Die Strahov-Bibliothek (Strahovská knihovna) befindet sich im historischen Strahov-Kloster (Strahovský klášter) auf dem Hradschin. Hoch über der Kleinseite gelegen, gehört sie zu den wertvollsten und am besten erhaltenen historischen Klosterbibliotheken Europas. Bekannt ist sie vor allem für ihre beiden prachtvollen Büchersäle: den barocken Theologischen Saal (Teologický sál) und den klassizistischen Philosophischen Saal (Filosofický sál). Zusammen mit dem Kuriositätenkabinett, historischen Globen und seltenen Handschriften vermittelt die Bibliothek einen eindrucksvollen Einblick in die europäische Wissens- und Sammlungskultur vergangener Jahrhunderte.
Das Prämonstratenserkloster wurde 1143 gegründet. Eine Bibliothek gehörte vermutlich von Beginn an zur klösterlichen Gemeinschaft, genaue Informationen über ihre mittelalterlichen Räume sind jedoch kaum erhalten. Einen ersten eigenständigen Bibliothekssaal ließ Abt Jan Lohelius Ende des 16. beziehungsweise zu Beginn des 17. Jahrhunderts in einem heute nach ihm benannten Klosterflügel einrichten. Die Sammlung erlitt 1648 einen schweren Verlust, als schwedische Truppen am Ende des Dreißigjährigen Krieges zahlreiche Bücher aus dem besetzten Hradschin abtransportierten.
Den älteren der beiden berühmten Säle ließ Abt Jeroným Hirnhaim in den 1670er-Jahren errichten. Der Entwurf des Theologischen Saals (Teologický sál) stammt vom Prager Architekten Giovanni Domenico Orsi. Der lang gestreckte Raum besitzt ein reich verziertes Tonnengewölbe mit weißen Stuckarbeiten und wurde 1727 verlängert. Zu dieser Zeit entstanden auch die Deckenfresken des Strahover Ordensbruders Siard Nosecký. Sie greifen vor allem biblische Aussagen über Weisheit, Frömmigkeit und das menschliche Streben nach Erkenntnis auf.
Die rot und gold gefassten Bücherschränke des Theologischen Saals enthalten mehr als 21.000 Bände. Der Schwerpunkt liegt auf theologischen Werken und unterschiedlichen Ausgaben der Bibel. Geschnitzte Kartuschen über den Regalen zeigen mit Bildern und Beschriftungen, welche Wissensgebiete in den jeweiligen Schrankabschnitten untergebracht sind. Sie dienten damit als frühes Orientierungssystem innerhalb der Bibliothek.
Zu den ungewöhnlichsten Ausstattungsstücken gehört ein 1678 angefertigtes Kompilationsrad. Auf seinen Ablagen konnten mehrere Bücher gleichzeitig geöffnet werden. Ein mechanisches System hielt die Leseflächen beim Drehen des Rades in derselben Position, sodass die Bücher nicht herunterrutschten. Das Gerät erleichterte das Vergleichen und Zusammenstellen unterschiedlicher Texte. Im Saal steht außerdem eine spätgotische Holzfigur des Evangelisten Johannes, während vor dem Eingang mehrere Erd- und Himmelsgloben ausgestellt sind. Einige von ihnen stammen aus der Werkstatt der niederländischen Kartografenfamilie Blaeu.
Da die Bestände ständig wuchsen, reichte der Theologische Saal im 18. Jahrhundert nicht mehr aus. Unter Abt Václav Mayer entstand deshalb der wesentlich größere Philosophische Saal (Filosofický sál). Der Architekt Jan Ignác Palliardi verwandelte dafür einen früheren Getreidespeicher in ein monumentales Bibliotheksgebäude. Nachdem das Kloster eine wertvolle Bibliothekseinrichtung aus dem aufgehobenen Prämonstratenserkloster Klosterbruck bei Znaim erworben hatte, wurde der Raum an die vorhandenen Schränke angepasst. Der Tischler Jan Lahofer installierte die hohen Regale aus Nussbaumholz zwischen 1794 und 1797.
Der Philosophische Saal ist rund 32 Meter lang, zehn Meter breit und 14 Meter hoch. Zwei Geschosse hoher Bücherregale bedecken nahezu die gesamten Wände. Verborgene Wendeltreppen, die hinter nachgebildeten Buchrücken versteckt sind, führen zu einer umlaufenden Galerie und zu den oberen Regalreihen. Die Sammlung beschränkt sich nicht auf religiöse Literatur. Sie enthält auch Werke aus Philosophie, Medizin, Mathematik, Recht, Geografie, Astronomie und Naturwissenschaften.
Über dem Saal erstreckt sich das monumentale Deckenfresko „Die geistige Entwicklung der Menschheit“. Der Wiener Maler Franz Anton Maulbertsch schuf das Werk mit einem Gehilfen innerhalb weniger Monate. Dargestellt ist die Entwicklung von Religion, Wissenschaft und menschlicher Erkenntnis von der biblischen und antiken Welt bis zur Zeit der Aufklärung. Zahlreiche Gelehrte, Philosophen und religiöse Gestalten bilden eine komplexe Bildfolge, deren Mittelpunkt die göttliche Vorsehung einnimmt.
Die gesamte Strahov-Bibliothek bewahrt ungefähr 200.000 Bände. Dazu gehören mehrere Tausend Handschriften, mehr als 1.500 Inkunabeln aus der Frühzeit des Buchdrucks sowie zahlreiche Druckwerke aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. Zu den bekanntesten Schätzen zählt das Strahover Evangeliar, dessen älteste Teile aus dem 9. Jahrhundert stammen. Das kostbar illuminierte Original wird geschützt aufbewahrt; im Besucherbereich ist ein Faksimile zu sehen.
Zwischen den beiden Sälen liegt ein Gang mit wechselnden Buchausstellungen und dem historischen Kuriositätenkabinett. Solche Sammlungen waren Vorläufer moderner Museen und sollten die Vielfalt der Natur und der menschlichen Kultur möglichst anschaulich präsentieren. Zu sehen sind unter anderem Mineralien, Meerestiere, präparierte Tiere, archäologische Fundstücke, Waffen, ein historisches Schiffsmodell und ein Narwalzahn, der früher für das Horn eines Einhorns gehalten wurde.
Eine weitere Besonderheit ist die sogenannte Xylothek. Dabei handelt es sich um eine Sammlung buchförmiger Holzkästchen, die jeweils aus dem Holz einer bestimmten Baumart gefertigt wurden. Im Inneren befinden sich Teile der entsprechenden Pflanze wie Blätter, Samen, Wurzeln oder Zweige. Die Sammlung verbindet damit die äußere Form einer Bibliothek mit einem naturwissenschaftlichen Anschauungswerk.
Nach der Machtübernahme der Kommunisten wurde das Prämonstratenserkloster 1950 gewaltsam aufgehoben. Die Bibliothek ging in das neu gegründete Museum des nationalen Schrifttums über und blieb der Öffentlichkeit als kulturelle Sammlung erhalten. Nach 1989 kehrten die Prämonstratenser nach Strahov zurück. Auch die Bibliothek wurde dem Orden schrittweise zurückgegeben. Seitdem werden die historischen Säle, Fresken, Regale und Buchbestände regelmäßig konserviert und restauriert.
Bei einer normalen Besichtigung betrittst du die beiden historischen Büchersäle nicht. Du kannst den Theologischen und den Philosophischen Saal lediglich von den geöffneten Eingängen aus betrachten. Diese Einschränkung schützt Bücher, Einbände und Fresken vor Feuchtigkeitsschwankungen, die durch große Besucherzahlen entstehen würden. Zum Rundgang gehören der Verbindungskorridor, das Kuriositätenkabinett, die Globensammlung sowie Ausstellungen mit historischen Büchern und Faksimiles. Für den Besuch solltest du ungefähr 40 Minuten einplanen.
Die Strahov-Bibliothek (Strahovská knihovna) ist derzeit täglich von 9 bis 17 Uhr geöffnet. Letzter Einlass ist um 16:30 Uhr, Eintrittskarten für die Bibliothek werden vor Ort bis 16:15 Uhr verkauft. Der reguläre Eintritt für Erwachsene beträgt aktuell 220 CZK. Das Kassen- und Informationszentrum befindet sich in der ehemaligen St.-Rochus-Kirche nahe dem Haupteingang des Klosters.
Die Adresse lautet Strahovské nádvoří 1/132. Besonders bequem erreichst du das Kloster mit den Straßenbahnlinien 22 oder 23 bis zur Haltestelle Pohořelec. Von dort sind es ungefähr fünf Gehminuten bis zum Haupteingang. Der Bibliotheksbesuch lässt sich gut mit der Klosteranlage, der Strahover Gemäldegalerie, der Basilika Mariä Himmelfahrt und einem Spaziergang in Richtung Prager Burg oder Petřín verbinden.