St.-Gallus-Kirche (Kostel sv. Havla)

Mitten in der Prager Altstadt (Staré Město) steht mit der St.-Gallus-Kirche (Kostel sv. Havla) ein Gotteshaus, das leicht übersehen wird und dennoch zu den geschichtlich interessantesten Kirchen im historischen Zentrum gehört. Hinter der barocken Fassade verbirgt sich ein mittelalterlicher Kern, während im Inneren wertvolle Kunstwerke, eine historische Orgel und außergewöhnlich alte Glocken erhalten geblieben sind. Dazu kommen Verbindungen zu Karl IV., Jan Hus, Johannes von Nepomuk und dem Barockmaler Karel Škréta.

Kirche St. Gallus (Kostel sv. Havla) in der Prager Altstadt bei Abenddämmerung.
Kirche St. Gallus in der Havelská-Straße in der Prager Altstadt bei Abenddämmerung

Eine der ältesten Kirchen der Prager Altstadt

Die Geschichte der St.-Gallus-Kirche (Kostel sv. Havla) reicht bis in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts zurück. Ihre Entstehung steht in engem Zusammenhang mit der sogenannten Gallusstadt, einer mittelalterlichen Marktsiedlung, die unmittelbar neben der damaligen Prager Altstadt (Staré Město) angelegt wurde.

Als traditionelles Gründungsjahr wird häufig 1232 genannt. Sicher schriftlich belegt ist die Kirche seit 1252. Damit gehört sie zu den älteren erhaltenen Sakralbauten im historischen Zentrum von Prag.

Die Lage war damals keineswegs zufällig gewählt. Rund um die Kirche entwickelte sich ein wichtiger Handelsbereich. Auch der heutige Gallusmarkt (Havelské tržiště) erinnert noch an diese Vergangenheit. Der Markt befindet sich nur wenige Schritte von der Kirche entfernt und gehört zu den ältesten bis heute genutzten Marktplätzen Prags.

Im 14. Jahrhundert wurde die ursprünglich romanische beziehungsweise frühgotische Kirche umfassend umgebaut. Dabei entstand eine hochgotische dreischiffige Basilika. Obwohl das Gebäude später stark barockisiert wurde, sind Teile dieser mittelalterlichen Struktur bis heute erhalten.

Karl IV. und die Reliquien des heiligen Gallus

Eine besondere Aufwertung erhielt die Kirche im Jahr 1353. Kaiser Karl IV. übergab ihr Reliquien des heiligen Gallus, nach dem das Gotteshaus benannt ist.

Gallus war ein irischer Wandermönch, der im frühen Mittelalter im Gebiet der heutigen Schweiz wirkte. Sein Name ist besonders mit dem Kloster und der Stadt St. Gallen verbunden.

Im Tschechischen wird Gallus als Havel bezeichnet. Daher trägt die Kirche den Namen Kostel sv. Havla. Mit dem ehemaligen tschechischen Präsidenten Václav Havel hat der ursprüngliche Name der Kirche also nichts zu tun, auch wenn diese Verbindung auf den ersten Blick naheliegen könnte.

Jan Hus predigte in der St.-Gallus-Kirche

Die Kirche spielte nicht nur architektonisch, sondern auch religiös eine bedeutende Rolle. Im 14. und frühen 15. Jahrhundert wirkten hier mehrere bekannte Prediger der böhmischen Reformbewegung.

Zu ihnen gehörten Konrad Waldhauser und Jan Milíč von Kroměříž. Auch Jan Hus soll in der Kirche gepredigt haben. Hus wurde später zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten der böhmischen Geschichte und zu einem Vorläufer der europäischen Reformation.

Nach Beginn der Hussitenbewegung ging die Kirche 1419 in die Hände der Utraquisten über. Erst nach der Schlacht am Weißen Berg (Bitva na Bílé hoře) im Jahr 1620 und der anschließenden Rekatholisierung Böhmens wurde sie wieder vollständig katholisch.

Johannes von Nepomuk war hier Pfarrer

Noch enger ist die Verbindung der Kirche zu Johannes von Nepomuk (Jan Nepomucký).

Der spätere böhmische Nationalheilige war zwischen 1380 und 1390 Pfarrer der St.-Gallus-Kirche. Zu diesem Zeitpunkt war er noch Jahrzehnte von seiner späteren Verehrung entfernt.

Heute begegnet dir Johannes von Nepomuk in Prag an zahlreichen Stellen. Besonders bekannt ist seine Statue auf der Karlsbrücke (Karlův most). Dass er zuvor selbst als Geistlicher in einer Kirche mitten in der Prager Altstadt tätig war, gehört dagegen zu den weniger bekannten Details seiner Geschichte.

Auch an der barocken Fassade der Kirche ist Johannes von Nepomuk dargestellt.

Vom gotischen Gotteshaus zur prächtigen Barockkirche

Eine grundlegende Veränderung begann im 17. Jahrhundert. Kaiser Ferdinand II. übergab die Kirche 1627 den beschuhten Karmelitern. Der Orden errichtete anschließend unmittelbar neben dem Gotteshaus ein eigenes Kloster.

Im Zuge dieser Entwicklung wurde auch die Kirche umfassend barockisiert.

Die heute besonders auffällige Westfassade entstand im frühen 18. Jahrhundert. Der Umbau wird vor allem mit dem Architekten Pavel Ignác Bayer verbunden. Teilweise wird in älterer oder populärer Literatur auch eine Beteiligung von Jan Blažej Santini-Aichel diskutiert, eindeutig belegt ist dessen Urheberschaft jedoch nicht.

Zwischen 1722 und 1724 erhielt die Kirche im Wesentlichen ihr heutiges äußeres Erscheinungsbild.

Die barocke Fassade wird von zwei Türmen eingerahmt und ist mit mehreren Heiligenfiguren geschmückt. Die Skulpturen werden der Werkstatt von Matthias Wenzel Jäckel (Matouš Václav Jäckel) zugeschrieben und entstanden ab 1727.

Von außen wirkt die St.-Gallus-Kirche dadurch heute eindeutig barock, obwohl sich im Inneren weiterhin bedeutende Teile des gotischen Vorgängerbaus erhalten haben.

Gotische Gewölbe hinter der barocken Fassade

Gerade dieser Kontrast macht das Innere interessant. Über dem Kirchenschiff sind noch gotische Kreuzgewölbe aus dem 14. Jahrhundert erhalten. Gleichzeitig gehört die barocke Ausstattung zu den vollständigsten ihrer Art in einer Prager Kirche.

Wer die Kirche betritt, sieht deshalb keine reine Barockkirche, sondern ein Gebäude, dessen unterschiedliche Bauphasen bis heute sichtbar geblieben sind.

Altäre, Skulpturen, Gemälde und das historische Gestühl prägen den Innenraum. Anders als bei vielen später modernisierten Kirchen wurde ein großer Teil der barocken Ausstattung bewahrt.

Bedeutende Skulpturen von Ferdinand Maximilian Brokoff

Zu den größten Kunstschätzen der Kirche gehört die Ausstattung der Heilig-Kreuz-Kapelle.

Hier befinden sich Werke des bedeutenden Barockbildhauers Ferdinand Maximilian Brokoff. Besonders eindrucksvoll ist die große Kreuzigungsgruppe beziehungsweise der Kalvarienberg mit polychromierten Holzfiguren.

Brokoff gehört zu den wichtigsten Bildhauern des böhmischen Barock. Seine Werke sind an mehreren bedeutenden Orten in Prag zu finden. Besonders bekannt sind die mit seiner Werkstatt verbundenen Skulpturen auf der Karlsbrücke (Karlův most).

Die Arbeiten in der St.-Gallus-Kirche gehören deshalb zu den wichtigsten Gründen, auch einen Blick in den Innenraum zu werfen.

Der prachtvolle Hauptaltar

Auch der Hauptaltar zählt zu den besonderen Kunstwerken des Gotteshauses.

Das zentrale Altargemälde trägt den Titel „Glorie des Karmel“ und wurde 1696 vom böhmischen Barockmaler Jan Kryštof Liška geschaffen. Das Bild verweist auf die lange Verbindung der Kirche mit dem Karmeliterorden.

Daneben sind mehrere Seitenaltäre, historische Skulpturen und weitere Gemälde erhalten.

Ein deutlich älteres Ausstattungsstück ist das Taufbecken aus dem Jahr 1523. Es stammt noch aus der Zeit vor der großen barocken Umgestaltung.

Das Grab von Karel Škréta

Eine weitere bedeutende Persönlichkeit der böhmischen Kunstgeschichte ist direkt mit der Kirche verbunden.

Der Barockmaler Karel Škréta wurde nach seinem Tod im Jahr 1674 in der St.-Gallus-Kirche beigesetzt. Sein Grab befindet sich im Bereich des rechten Seitenschiffs.

Škréta gilt als einer der wichtigsten Maler des böhmischen Frühbarock. Zahlreiche seiner Werke befinden sich heute in Prager Kirchen und Kunstsammlungen.

Später wurde auch sein Sohn in der Kirche bestattet.

Eine bedeutende Barockorgel aus dem Jahr 1736

Musikgeschichtlich besitzt die Kirche ebenfalls eine Besonderheit.

Die große Orgel wurde 1736 vom Orgelbauer Ondřej Guth gebaut. Das Instrument verfügt über zwei Manuale und 28 Register und zählt zu den bedeutenden erhaltenen historischen Barockorgeln Tschechiens.

Im 20. Jahrhundert wurde die Orgel restauriert und kann bis heute genutzt werden.

Auch deshalb finden in der St.-Gallus-Kirche regelmäßig Konzerte statt. Der vergleichsweise kompakte Kirchenraum bietet dabei eine besondere Atmosphäre und eignet sich gut für Orgelmusik und kleinere klassische Aufführungen.

Die älteste erhaltene Glocke Prags

Eine der größten Besonderheiten der St.-Gallus-Kirche befindet sich hoch oben in ihren Türmen.

Die Glocke Marie stammt aus dem Jahr 1455 und gilt als älteste erhaltene Glocke Prags. Sie hat damit mehrere Jahrhunderte Prager Stadtgeschichte überstanden.

Eine weitere historische Glocke namens Havel wurde 1506 gegossen.

Das Geläut wurde in den vergangenen Jahren ergänzt. 2017 kam die rund 810 Kilogramm schwere Glocke Václav hinzu. Sie ist dem heiligen Wenzel gewidmet, erinnert gleichzeitig aber auch an den früheren tschechischen Präsidenten Václav Havel.

Auf der Glocke befindet sich dessen bekanntes Motto über den Sieg von Wahrheit und Liebe über Lüge und Hass. Auch seine charakteristische Unterschrift mit einem kleinen Herz wurde übernommen.

2020 kamen außerdem die Glocken Ludmila und Jan Nepomuk hinzu.

Damit verbindet das heutige Glockenensemble mittelalterliche, frühneuzeitliche und moderne Prager Geschichte miteinander.

Das ehemalige Karmeliterkloster

Direkt neben der Kirche entstand zwischen dem späten 17. und frühen 18. Jahrhundert ein Kloster der beschuhten Karmeliter.

An der Planung waren unter anderem Giovanni Domenico Orsi und Martin Lurago beteiligt.

Im Zuge der Kirchenreformen Kaiser Josephs II. wurde das Kloster 1786 aufgehoben. Die St.-Gallus-Kirche wurde anschließend wieder als reguläre Pfarrkirche genutzt.

Seit 2006 kümmern sich erneut Karmeliter um die geistliche Betreuung. Kirchlich gehört das Gotteshaus heute zur Pfarrei der Teynkirche (Chrám Matky Boží před Týnem).

Wo liegt die St.-Gallus-Kirche?

Die St.-Gallus-Kirche (Kostel sv. Havla) steht an der Havelská mitten in der Prager Altstadt (Staré Město).

Vom Altstädter Ring (Staroměstské náměstí) sind es nur wenige Minuten zu Fuß. Auch der Wenzelsplatz (Václavské náměstí), der Altstädter Rathausturm (Staroměstská radnice) und die Teynkirche (Chrám Matky Boží před Týnem) liegen in unmittelbarer Umgebung.

Besonders praktisch ist ein Besuch in Verbindung mit dem Gallusmarkt (Havelské tržiště), der direkt neben der Kirche liegt.

Adresse:

Havelská 539/24
110 00 Prag 1

Wann kannst du die Kirche besichtigen?

Die St.-Gallus-Kirche ist keine klassische Sehenswürdigkeit mit durchgehendem touristischem Betrieb. Die Öffnungszeiten für Besichtigungen sind deshalb vergleichsweise eingeschränkt und können sich saisonal verändern.

Nach den zuletzt veröffentlichten Angaben ist die Kirche vor allem zwischen März und Juni sowie zwischen August und November für Besucher zugänglich. An mehreren Wochentagen gibt es begrenzte Zeitfenster rund um die Mittagszeit und teilweise am Nachmittag.

Während Gottesdiensten ist eine touristische Besichtigung nicht möglich.

Wenn du gezielt den Innenraum sehen möchtest, solltest du deshalb kurz vor deinem Besuch die aktuellen Öffnungszeiten prüfen.

Gottesdienste in der St.-Gallus-Kirche

Die Kirche wird weiterhin aktiv für Gottesdienste genutzt.

Regelmäßige Messen finden unter anderem sonntags am Vormittag sowie an Werktagen gegen Mittag statt. Während der Sommermonate kann der Gottesdienstplan abweichen.

Da sich kirchliche Termine ändern können, lohnt sich auch hier vorab ein Blick auf den aktuellen Kalender der Gemeinde.

Lohnt sich ein Besuch der St.-Gallus-Kirche?

Die St.-Gallus-Kirche gehört nicht zu den großen Touristenmagneten der Prager Altstadt, ist gerade deshalb aber eine interessante Ergänzung zu den bekannten Sehenswürdigkeiten im Zentrum.

Von außen fällt vor allem die barocke Doppelturmfassade auf. Im Inneren warten dagegen gotische Gewölbe, eine umfangreiche Barockausstattung, Werke von Ferdinand Maximilian Brokoff, das Grab von Karel Škréta und eine historische Orgel aus dem Jahr 1736.

Besonders außergewöhnlich ist die Verbindung zu mehreren Jahrhunderten Prager Geschichte. Karl IV., Jan Hus, Johannes von Nepomuk und Václav Havel lassen sich auf ganz unterschiedliche Weise mit der Kirche in Verbindung bringen.

Wenn du ohnehin durch den Bereich zwischen Altstädter Ring, Gallusmarkt und Wenzelsplatz läufst und die Kirche geöffnet ist, lohnt sich deshalb ein kurzer Abstecher ins Innere.