St.-Martin-in-der-Mauer-Kirche

Die St.-Martin-in-der-Mauer-Kirche (Kostel svatého Martina ve zdi) gehört zu den weniger bekannten, historisch aber besonders spannenden Kirchen der Prager Altstadt (Staré Město). Hinter ihrem ungewöhnlichen Namen steckt die mittelalterliche Stadtmauer Prags, während im Inneren romanische und gotische Bauteile, Spuren der Böhmischen Reformation und mehrere Jahrhunderte Stadtgeschichte zusammentreffen. Heute wird die Kirche weiterhin religiös genutzt und ist zugleich ein stimmungsvoller Ort für klassische Konzerte und kulturelle Veranstaltungen.

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Beleuchtete St.-Martin-in-der-Mauer-Kirche mit gotischen Fenstern in der Prager Altstadt bei Nacht
Die beleuchtete St.-Martin-in-der-Mauer-Kirche mit gotischen Fenstern in der Prager Altstadt.

Mittelalterliche Kirche mitten in der Prager Altstadt

Die St.-Martin-in-der-Mauer-Kirche (Kostel svatého Martina ve zdi) liegt nur wenige Gehminuten von einigen der bekanntesten Straßen und Plätze im historischen Zentrum entfernt. Trotzdem wirkt ihre Umgebung deutlich ruhiger als die großen Touristenachsen rund um den Altstädter Ring (Staroměstské náměstí), die Karlsbrücke (Karlův most)oder den Wenzelsplatz (Václavské náměstí).

Genau darin liegt ein Teil ihres Reizes. Die Kirche steht nicht frei auf einem großen Platz, sondern ist eng in die historische Bebauung der Altstadt (Staré Město) eingebunden. Ihr vergleichsweise zurückhaltendes Äußeres lässt kaum vermuten, wie weit ihre Geschichte zurückreicht.

Der Ursprung des Kirchenbaus liegt im 12. Jahrhundert. Zwischen etwa 1178 und 1187 entstand an dieser Stelle eine romanische Kirche. Teile dieses frühen Bauwerks sind noch heute im bestehenden Gebäude erhalten. Damit zählt St. Martin zu den älteren erhaltenen Kirchen Prags.

Beleuchtete St.-Martin-in-der-Mauer-Kirche mit gotischen Fenstern in der Prager Altstadt bei Nacht
Die beleuchtete St.-Martin-in-der-Mauer-Kirche steht in der Prager Altstadt.

Warum heißt sie „St. Martin in der Mauer“?

Der ungewöhnliche Name ist direkt mit der mittelalterlichen Stadtentwicklung verbunden.

Als die Kirche errichtet wurde, lag sie noch in einer Siedlung außerhalb der damaligen befestigten Stadt. In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts wurde die Prager Altstadt (Staré Město) jedoch mit einer Stadtmauer umgeben. Diese Befestigung verlief unmittelbar an der Kirche entlang.

Die südliche Kirchenwand wurde dabei praktisch Teil des Verlaufs der Stadtbefestigung. In unmittelbarer Nähe befand sich außerdem das sogenannte St.-Martins-Tor, eines der Tore der mittelalterlichen Altstadt.

Seitdem setzte sich der Beiname „in der Mauer“ durch.

Besonders interessant ist, dass die neue Stadtbefestigung den damaligen Pfarrbezirk teilte. Die Kirche selbst lag anschließend innerhalb der befestigten Altstadt, während ein größerer Teil ihres ursprünglichen Umfelds außerhalb der Mauern blieb. Dieses Gebiet wurde später Teil der Prager Neustadt (Nové Město).

Der heutige Name der Kirche ist damit eine Art sprachliches Überbleibsel der längst verschwundenen mittelalterlichen Stadtmauer.


Von der Romanik zur Gotik

Die ursprüngliche Kirche war ein vergleichsweise kleiner romanischer Bau. Im Laufe des Mittelalters wurde sie mehrfach erweitert und umgebaut.

Eine besonders prägende Bauphase begann im 14. Jahrhundert während der Herrschaft von Karl IV.. Nach etwa 1350 wurde das Hauptschiff erhöht und die Kirche erhielt neue gotische Elemente.

Im Osten entstand ein neues Presbyterium, das in den folgenden Jahrzehnten mit einem gotischen Gewölbe ausgestattet wurde. Bis heute lassen sich dort architektonische Details aus dieser Zeit erkennen. Dazu gehören verzierte Schlusssteine, Konsolen und figürliche beziehungsweise maskenartige Elemente.

Die Kirche ist deshalb architektonisch besonders interessant, weil mehrere Bauphasen unmittelbar miteinander verbunden sind. Romanische Grundsubstanz, gotische Erweiterungen und spätere Ergänzungen lassen sich bis heute am Gebäude ablesen.


Bedeutender Schauplatz der Böhmischen Reformation

Historisch besonders wichtig wurde die Kirche im frühen 15. Jahrhundert.

Im Jahr 1414 wurde hier nach historischen Überlieferungen das Abendmahl unter beiderlei Gestalt gefeiert. Dabei erhielten nicht nur Geistliche, sondern auch Laien Brot und Wein.

Diese Praxis entwickelte sich zu einem der wichtigsten religiösen Symbole der Böhmischen Reformation und später der Hussitenbewegung. Der Kelch wurde zum sichtbaren Zeichen der sogenannten Utraquisten, die den Empfang des Abendmahls in beiden Formen forderten.

Mit diesem Ereignis gehört die St.-Martin-in-der-Mauer-Kirche zu den bedeutenden Orten der frühen reformatorischen Bewegung in Prag.

Die Kirche stand damit in einem ähnlichen religiösen Umfeld wie die nahe gelegene Bethlehemkapelle (Betlémská kaple), die eng mit dem Reformator Jan Hus verbunden ist.


Die St.-Martins-Synode von 1433

Auch in den folgenden Jahrzehnten blieb die Kirche ein wichtiger Treffpunkt der reformatorischen Bewegung.

1433 fand hier die sogenannte St.-Martins-Synode statt. In einer Zeit tiefgreifender religiöser und politischer Konflikte gehörte St. Martin damit zu den Orten, an denen über die weitere Entwicklung des böhmischen Kirchenlebens beraten wurde.

Für Besucher ist diese Geschichte heute kaum sichtbar. Gerade deshalb lohnt es sich, den relativ kleinen Kirchenraum nicht nur architektonisch zu betrachten. Hinter den Mauern fanden Ereignisse statt, die für die religiöse Geschichte Böhmens weit über Prag hinaus Bedeutung hatten.

Der spätgotische Ausbau

Eine weitere große Veränderung erfolgte im späten 15. Jahrhundert.

Der Umbau wurde 1488 abgeschlossen. Dabei erhielt die Kirche unter anderem zusätzliche Seitenschiffe und näherte sich damit ihrer heutigen Grundform an.

Eine wichtige Rolle spielte dabei die wohlhabende Bürgerfamilie Holec von Květnice. Sie unterstützte die Erweiterung der Kirche und besaß ein eigenes Oratorium.

Dieses sogenannte Holec-Oratorium gehört zu den interessantesten architektonischen Details der Kirche.


Das Oratorium mit eigener Holzbrücke

Die Familie Holec wohnte in einem benachbarten Gebäude, das heute zum Platýz-Palast (Platýz) gehört.

Ihr privates Oratorium innerhalb der Kirche war offenbar über eine hölzerne Brücke direkt mit dem Wohnhaus verbunden. Die Familie konnte dadurch von ihrem Haus aus in die Kirche gelangen, ohne den öffentlichen Eingang benutzen zu müssen.

Die Holzbrücke selbst existiert längst nicht mehr. Spuren der früheren Verbindung lassen sich jedoch teilweise noch erkennen. Hoch in der Kirchenwand befindet sich ein zugemauertes Portal, das einst zu diesem Übergang gehörte.

Dieses Detail gehört zu den Dingen, die leicht übersehen werden. Wer rund um die Kirche aufmerksam nach oben schaut, bekommt dadurch einen kleinen Einblick in das Leben wohlhabender Prager Bürger im späten Mittelalter.


Brand und barocke Veränderungen

1678 wurde die Kirche durch einen schweren Brand beschädigt. Besonders der Turm war betroffen und musste anschließend teilweise erneuert werden.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts kamen weitere Veränderungen hinzu.

An der Nordseite entstand 1779 das barocke Eingangsportal zur heutigen Martinská. Über dem Eingang befindet sich eine Darstellung des heiligen Martin, nach dem die Kirche benannt ist.

Dadurch treffen am Gebäude heute mehrere Baustile unmittelbar aufeinander. Die Kirche ist weder vollständig romanisch noch rein gotisch oder barock. Vielmehr zeigt sie sichtbar, wie sich ein mittelalterliches Gotteshaus über viele Jahrhunderte verändert hat.


Vom Gotteshaus zum Lagerraum

Eine der ungewöhnlichsten Phasen ihrer Geschichte begann Ende des 18. Jahrhunderts.

1784 wurde die Kirche während der Reformen Kaiser Josephs II. aufgehoben. Zahlreiche Klöster, Kirchen und religiöse Einrichtungen wurden damals geschlossen, wenn sie aus Sicht der habsburgischen Verwaltung keinen ausreichenden gesellschaftlichen Nutzen erfüllten.

Auch St. Martin verlor seine kirchliche Funktion.

In den folgenden Jahrzehnten wurde das Gebäude unter anderem als Lagerraum, Wohnraum und für gewerbliche Zwecke genutzt. Damit unterschied sich die Nutzung zeitweise kaum noch von den umliegenden Häusern.

Dass der mittelalterliche Kirchenbau diese Phase überhaupt überstand, ist aus heutiger Sicht bemerkenswert.


Restaurierung durch Kamil Hilbert

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts änderte sich die Situation erneut.

1904 erwarb die Stadt Prag das Gebäude. Kurz darauf begann eine umfangreiche Restaurierung, die 1905 und 1906 nach Plänen des Architekten Kamil Hilbert durchgeführt wurde.

Hilbert gehört zu den bedeutenden Architekten der damaligen Denkmalpflege in Prag. Besonders bekannt wurde er durch seine spätere Arbeit am St.-Veitsdom (Katedrála svatého Víta) auf der Prager Burg (Pražský hrad).

Während der Restaurierung von St. Martin wurden zahlreiche historische Elemente gesichert, gleichzeitig aber auch einzelne Bauteile im damaligen historistischen Stil ergänzt oder verändert.

Die heutige Erscheinung der Kirche ist deshalb nicht ausschließlich mittelalterlich, sondern auch Ergebnis dieser Restaurierungsphase.


Der ehemalige Friedhof und die Familie Brokoff

Rund um die Kirche befand sich früher ein Friedhof.

Dort wurden über Jahrhunderte zahlreiche Bewohner der Umgebung bestattet. Unter ihnen befanden sich auch Mitglieder der bekannten Bildhauerfamilie Brokoff.

Die Familie gehört zu den bedeutendsten Künstlerfamilien des böhmischen Barocks. Werke ihrer Mitglieder sind bis heute an mehreren Stellen in Prag zu sehen. Besonders eng ist ihr Name mit den barocken Skulpturen der Karlsbrücke (Karlův most) verbunden.

An der Außenwand der Kirche erinnert heute eine Gedenkplatte an die Familie. Auch im Inneren sind historische Grabsteine erhalten.


Was du an der Kirche entdecken kannst

Auf den ersten Blick wirkt die St.-Martin-in-der-Mauer-Kirche vergleichsweise schlicht. Gerade deshalb lohnt es sich, einzelne Details genauer zu betrachten.

Auffällig sind die unterschiedlich alten Mauerbereiche, die gotischen Fenster, das barocke Portal und die verschiedenen Formen der Dächer und Giebel. Auch der Turm zeigt, dass das Gebäude mehrfach verändert wurde.

Im Inneren stehen vor allem die mittelalterlichen Gewölbe im Mittelpunkt. Besonders interessant sind die Schlusssteine und Konsolen des gotischen Presbyteriums.

Wer sich auch die Außenseiten der Kirche genauer ansieht, sollte nach dem zugemauerten Zugang des ehemaligen Holec-Oratoriums suchen.

Darüber hinaus erinnern Grabsteine und Gedenktafeln an frühere Bewohner und bedeutende Familien der Stadt.


Die Legende vom versteinerten Jungen

Wie viele alte Kirchen in Prag besitzt auch St. Martin ihre eigene Legende.

An einer Außenseite der Kirche befindet sich ein kleines Steinrelief, das an das Gesicht eines Jungen erinnert.

Der Überlieferung nach soll ein Junge auf das Dach der Kirche geklettert sein, um Eier aus Taubennestern zu holen. Seine Mutter ärgerte sich so sehr über sein Verhalten, dass sie ihm zugerufen haben soll, er solle zu Stein werden.

Der Legende zufolge erfüllte sich dieser Fluch und der Junge wurde Teil des Kirchenmauerwerks.

Historisch belegt ist diese Geschichte natürlich nicht. Das kleine Relief gehört jedoch zu den kuriosen Details, die sich gut mit einem Rundgang um die Kirche verbinden lassen.


St. Martin heute

Heute ist die Kirche wieder ein aktives Gotteshaus.

Sie wird von der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder (Českobratrská církev evangelická) genutzt. Damit knüpft ihre heutige Nutzung zumindest indirekt an ihre lange reformatorische Geschichte an.

Besonders interessant für deutschsprachige Besucher ist, dass hier regelmäßig auch deutschsprachige evangelische Gottesdienste stattfinden.

Die genauen Zeiten können sich ändern. Vor einem Besuch lohnt sich deshalb immer ein Blick in den aktuellen Veranstaltungskalender der Gemeinde.


Klassische Konzerte in mittelalterlicher Atmosphäre

Neben Gottesdiensten finden in der Kirche regelmäßig klassische Konzerte, Chorauftritte und weitere kulturelle Veranstaltungen statt.

Der relativ kleine Kirchenraum sorgt dabei für eine deutlich intimere Atmosphäre als große Konzertsäle oder monumentale Kirchenbauten.

Auf dem Programm stehen je nach Veranstaltung Werke bekannter europäischer Komponisten, geistliche Musik und Kammermusik.

Gerade wenn du eine historische Kirche nicht nur besichtigen, sondern auch akustisch erleben möchtest, kann ein Konzert in St. Martin eine interessante Ergänzung zu einem Prag-Aufenthalt sein.


Wann kannst du die Kirche besichtigen?

Die St.-Martin-in-der-Mauer-Kirche besitzt keine dauerhaft garantierten touristischen Öffnungszeiten wie viele große Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Eine Besichtigung ist vor allem während Gottesdiensten, Konzerten, Ausstellungen und anderen Veranstaltungen möglich. Teilweise wird die Kirche auch zu bestimmten Ausstellungen für mehrere Stunden am Tag geöffnet.

Diese Zeiten können sich jedoch saisonal und je nach Veranstaltungsprogramm ändern.

Wenn du gezielt das Innere sehen möchtest, solltest du deshalb vorab die aktuellen Termine auf der offiziellen Website prüfen.


Wo befindet sich die St.-Martin-in-der-Mauer-Kirche?

Die Kirche befindet sich in der Martinská 8 in Prag 1.

Von der Nationalstraße (Národní třída) erreichst du sie in wenigen Minuten zu Fuß. Auch der Jungmannplatz (Jungmannovo náměstí), die Bethlehemkapelle (Betlémská kaple) und der Altstädter Ring (Staroměstské náměstí) liegen nicht weit entfernt.

Dadurch lässt sich die Kirche sehr gut in einen Spaziergang durch die südliche Altstadt (Staré Město) integrieren.

Wer aus Richtung Wenzelsplatz (Václavské náměstí) kommt, erreicht St. Martin ebenfalls bequem zu Fuß.


Sehenswürdigkeiten in der Umgebung

Die Lage der Kirche eignet sich besonders gut, um mehrere weniger weit voneinander entfernte Orte miteinander zu verbinden.

Nur wenige Gehminuten entfernt liegt die Bethlehemkapelle (Betlémská kaple), die zu den wichtigsten Erinnerungsorten an Jan Hus gehört. Von dort kannst du weiter in Richtung Altstädter Ring (Staroměstské náměstí)oder zur Karlsbrücke (Karlův most) gehen.

In südlicher Richtung erreichst du die Nationalstraße (Národní třída) und anschließend das Nationaltheater (Národní divadlo) sowie die Moldau (Vltava).

Auch der Jungmannplatz (Jungmannovo náměstí) und der Wenzelsplatz (Václavské náměstí) liegen in kurzer Gehentfernung.

Dadurch bietet sich St. Martin vor allem als ruhiger historischer Zwischenstopp an, wenn du ohnehin zu Fuß durch die Prager Altstadt (Staré Město) unterwegs bist.


Für wen lohnt sich ein Besuch?

Die Kirche eignet sich besonders für Besucher, die sich für mittelalterliche Architektur, die Geschichte der Hussiten, die Böhmische Reformation oder weniger bekannte historische Orte interessieren.

Wer ausschließlich monumentale Kirchenräume sucht, wird St. Martin möglicherweise unscheinbarer finden als den St.-Veitsdom (Katedrála svatého Víta) oder die großen Barockkirchen der Stadt.

Gerade ihre vergleichsweise kleine Größe ist jedoch Teil ihres besonderen Charakters.

Die St.-Martin-in-der-Mauer-Kirche erzählt auf engem Raum fast neun Jahrhunderte Prager Geschichte: von einer romanischen Dorfkirche über die mittelalterliche Stadtbefestigung und die Hussitenzeit bis hin zur Schließung, profanen Nutzung und späteren Wiederbelebung als evangelisches Gotteshaus.

Wer sich Zeit für die Details nimmt, entdeckt hier einen der historisch vielschichtigeren Orte abseits der bekanntesten Sehenswürdigkeiten im Zentrum Prags.