Hirschgraben (Jelení příkop)

Direkt unter den Mauern der Prager Burg (Pražský hrad) verbirgt sich eine überraschend wilde Landschaft. Der Hirschgraben (Jelení příkop) zieht sich als bewaldete Schlucht entlang der Nordseite des Burgareals. Zwischen alten Bäumen, steilen Hängen und historischen Befestigungsmauern kannst du eine Seite der Prager Burg entdecken, die nur wenig mit den belebten Burghöfen und den großen Sehenswürdigkeiten zu tun hat. Der Hirschgraben war im Laufe der Jahrhunderte natürlicher Schutzraum, Wildgehege, Aufenthaltsort von Bären und schließlich ein öffentlich zugänglicher Landschaftspark. Heute gehört er zu den ruhigsten und ungewöhnlichsten Spazierwegen rund um die Prager Burg.

Gepflasterter Spazierweg entlang einer großen Wiese im grünen Hirschgraben unterhalb der Prager Burg
Ein gepflasterter Weg führt entlang einer offenen Wiese durch den grünen Hirschgraben unterhalb der Prager Burg.

Eine natürliche Schlucht unterhalb der Burgmauern

Anders als der Name vermuten lässt, wurde der Hirschgraben nicht vollständig als künstlicher Burggraben ausgehoben. Es handelt sich um eine natürliche Schlucht, die durch den Bach Brusnice geformt wurde. Das Gelände umfasst mehr als acht Hektar und erstreckt sich ungefähr von der Straße U Brusnice bis zur großen Kurve der Chotkova-Straße.

Die steilen Hänge bildeten bereits im Mittelalter eine natürliche Barriere an der Nordseite der Burg. Angreifer konnten sich den Befestigungen von hier aus nur schwer nähern. Der Hirschgraben war daher ein wichtiger Bestandteil des natürlichen Verteidigungssystems der Prager Burg.

Der Bach Brusnice fließt noch heute durch das Tal. Sein Lauf wurde im Laufe der Zeit reguliert und teilweise unter die Erde verlegt. An einigen Stellen begleitet das Wasser weiterhin den Spazierweg und verstärkt den beinahe ländlichen Charakter des Geländes.

Schmaler Waldweg mit Holzgeländer und dicht bewachsenem Hang im Hirschgraben der Prager Burg
Ein schmaler, naturbelassener Pfad führt durch den dicht bewachsenen Hang des Hirschgrabens unterhalb der Prager Burg.

Wie der Hirschgraben zu seinem Namen kam

Seinen heutigen Namen erhielt der Graben während der Herrschaft Kaiser Rudolfs II. Um 1600 ließ der kunst- und naturinteressierte Herrscher in dem abgeschlossenen Gelände Hirsche und anderes jagdbares Wild halten.

Die Tiere konnten sich innerhalb der natürlichen Schlucht vergleichsweise frei bewegen. Zeitweise wurde das Gelände auch für höfische Jagden genutzt. Noch bis ins 18. Jahrhundert lebte Wild im Graben.

Der Hirschgraben war jedoch kein geometrisch gestalteter Schlosspark. Sein ursprünglicher Charakter als steile und bewaldete Schlucht blieb weitgehend erhalten. Gerade diese Verbindung aus Natur, höfischer Geschichte und Befestigungsarchitektur macht das Gelände bis heute besonders.

Oberer und unterer Hirschgraben

Der Hirschgraben besteht aus einem oberen und einem unteren Abschnitt. Getrennt werden beide Bereiche durch den mächtigen Damm der Pulverbrücke (Prašný most).

An dieser Stelle ließ Ferdinand I. im 16. Jahrhundert zunächst eine Brücke errichten. Sie verband die Prager Burg mit dem neu angelegten Königlichen Garten (Královská zahrada) auf der gegenüberliegenden Seite der Schlucht.

Während der Regierungszeit Maria Theresias wurde die Brückenkonstruktion durch einen aufgeschütteten Damm ersetzt. Seitdem teilt dieser den Hirschgraben in zwei deutlich voneinander getrennte Bereiche.

Der obere Hirschgraben liegt in Richtung der Straße U Brusnice. Der größere untere Hirschgraben zieht sich östlich des Damms in Richtung Chotkova-Straße und Klárov.

Das ehemalige Bärengehege

Zu den ungewöhnlichsten Kapiteln der Geschichte gehört das Bärengehege im oberen Hirschgraben. Es wurde während der Ersten Tschechoslowakischen Republik eingerichtet.

Präsident Tomáš Garrigue Masaryk hatte Bären als Geschenk tschechoslowakischer Legionäre erhalten. Für die Tiere entstand im Hirschgraben eine Anlage mit einer künstlichen Höhle, vergitterten Eingängen und einem eigenen Haus für den Bärenwärter.

Die Bärenhaltung endete in den 1950er-Jahren. Teile der Anlage blieben jedoch erhalten. Im oberen Hirschgraben kannst du noch heute Spuren des ehemaligen Geheges und das Haus des Bärenwärters entdecken.

Die Überreste wirken beinahe wie eine vergessene Kulisse im Wald. Gleichzeitig erinnern sie daran, dass der Hirschgraben noch im 20. Jahrhundert nicht nur als Park, sondern auch zur Tierhaltung genutzt wurde.

Masaryk-Aussichtspunkt und Plečniks Gestaltung

Oberhalb des oberen Hirschgrabens befindet sich der Masaryk-Aussichtspunkt (Masarykova vyhlídka). Er wurde zwischen 1922 und 1924 nach Plänen des slowenischen Architekten Jože Plečnik gestaltet.

Plečnik prägte während der Amtszeit Tomáš Garrigue Masaryks zahlreiche Bereiche der Prager Burg. Der Aussichtspunkt entstand an einem Ort, an dem sich der Präsident gerne aufhielt. Die Anlage erinnert an eine kleine Bastion und öffnet den Blick über den Hirschgraben und Teile des Burgareals.

Von hier kannst du unter anderem die Türme des St.-Veitsdoms (Katedrála svatého Víta), den Hradschin und bei guter Sicht weitere markante Gebäude der Prager Stadtsilhouette erkennen.

Plečnik integrierte außerdem terrassierte Weinpflanzungen in die Gestaltung. Sie erinnern an die Weinberge, die sich bereits zur Zeit Karls IV. an den Hängen rund um die Prager Burg befanden.

Vom Aussichtspunkt ist auch das historische Bienenhaus Tomáš Garrigue Masaryks in der benachbarten Lumbe-Gärtnerei zu sehen. Die Gärtnerei selbst ist normalerweise nicht öffentlich zugänglich.

Der Tunnel durch den Damm der Pulverbrücke

Lange Zeit waren der obere und der untere Hirschgraben durch den Damm der Pulverbrücke voneinander getrennt. Erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts entstand wieder eine direkte Fußgängerverbindung.

Nach einem Entwurf des tschechischen Architekten Josef Pleskot wurde zwischen 2001 und 2002 ein Tunnel durch den Damm gebaut. Das Projekt gehörte zu den modernen Umgestaltungen der Prager Burg während der Amtszeit Václav Havels.

Der hohe, gewölbte Durchgang ist mit dunkelroten Ziegeln ausgekleidet. Neben dem Fußweg verläuft der Bach Brusnice teilweise unter Metallrosten. Lichtöffnungen und der Wechsel zwischen engen und hohen Abschnitten verleihen dem Tunnel eine ungewöhnliche Atmosphäre.

Während des Baus wurde außerdem ein Rest der ursprünglichen Renaissancebrücke sichtbar gemacht. Der Tunnel ist deshalb nicht nur eine praktische Verbindung, sondern zugleich ein Beispiel dafür, wie moderne Architektur mit historischen Baustrukturen verbunden werden kann.

Beleuchteter Ziegeltunnel mit schmalem Fußweg im Hirschgraben unterhalb der Prager Burg
Der beleuchtete Fußgängertunnel führt durch den Hirschgraben unterhalb der Prager Burg.

Natur und Kunst im Hirschgraben

Neben den historischen Bauwerken findest du im Hirschgraben mehrere Skulpturen und kleinere Kunstwerke.

Im oberen Bereich steht die Sandsteinskulptur des Nachtwächters von Franta Úprka. Sie wurde Tomáš Garrigue Masaryk zu seinem 75. Geburtstag geschenkt.

Im unteren Hirschgraben befinden sich moderne Arbeiten des tschechischen Bildhauers Kurt Gebauer. Die Kunstwerke sind zurückhaltend in die Landschaft eingefügt und tauchen teilweise unerwartet zwischen Bäumen, Mauern und Wiesen auf.

Der Hirschgraben wirkt dadurch nicht wie ein klassischer Skulpturenpark. Die Kunst ist vielmehr ein Teil des Spaziergangs und ergänzt die historische Landschaft, ohne ihren natürlichen Charakter zu überlagern.

Ein ruhiger Spaziergang abseits der Burghöfe

Der Hirschgraben ist vor allem dann interessant, wenn du die Prager Burg abseits der üblichen Besucherwege erleben möchtest. Während sich auf den Burghöfen und rund um den St.-Veitsdom häufig große Besuchergruppen versammeln, bleibt es in der Schlucht meist deutlich ruhiger.

Der Weg führt durch bewaldete Abschnitte, vorbei an Wiesen, Felsen, historischen Mauern und dem Bachlauf. Dabei öffnen sich immer wieder ungewöhnliche Perspektiven auf die nördlichen Befestigungen der Burg.

Besonders an warmen Tagen ist der Hirschgraben eine angenehme Alternative zu den offenen Plätzen des Burgareals. Die Bäume spenden Schatten, und die tiefe Lage der Schlucht sorgt für ein vergleichsweise kühles Klima.

Für Fotografen bietet das Gelände zahlreiche Motive. Dazu gehören die hohen Burgmauern über den Baumkronen, der moderne Verbindungstunnel, die Überreste des Bärengeheges und die von Plečnik gestalteten Anlagen.

Spazierroute durch den Hirschgraben

Eine besonders abwechslungsreiche Route beginnt im oberen Hirschgraben in der Nähe der Straße U Brusnice. Von dort führt der Weg durch den bewaldeten westlichen Abschnitt und am ehemaligen Bärengehege vorbei.

Anschließend kannst du zum Masaryk-Aussichtspunkt hinaufsteigen oder dem Weg in Richtung Pulverbrücke folgen. Durch den Tunnel von Josef Pleskot gelangst du in den unteren Hirschgraben.

Je nach geöffneten Zugängen kannst du deinen Spaziergang anschließend in Richtung Lustschloss der Königin Anna (Letohrádek královny Anny)Königlicher Garten (Královská zahrada) oder Klárov fortsetzen.

Der Hirschgraben eignet sich deshalb auch als landschaftlich reizvolle Verbindung zwischen Hradschin, Prager Burg und Kleinseite. Du solltest allerdings berücksichtigen, dass einzelne Zugänge oder Abschnitte zeitweise geschlossen sein können.

Öffnungszeiten und Eintritt

Der Zugang zum Hirschgraben ist kostenlos. Das Gelände ist jedoch nur saisonal und nicht automatisch während der gesamten Öffnungszeit des allgemeinen Burgareals zugänglich.

In der Wintersaison bleibt der Hirschgraben normalerweise geschlossen. Auch während der wärmeren Monate können bestimmte Abschnitte wegen schlechten Wetters, Bauarbeiten, Sicherheitsmaßnahmen oder offiziellen Veranstaltungen kurzfristig gesperrt werden.

Besonders nach starkem Regen können die teilweise steilen und naturbelassenen Wege rutschig sein. Prüfe deshalb vor deinem Besuch die aktuellen Hinweise auf der offiziellen Internetseite der Prager Burg.

Ist der Hirschgraben barrierefrei?

Der Hirschgraben ist nur eingeschränkt für Besucher mit Mobilitätseinschränkungen geeignet. Zum Gelände gehören Treppen, steile Wege, Gefälle und teilweise unbefestigte Abschnitte.

Auch mit einem Kinderwagen können einzelne Zugänge und Wege schwierig oder nicht passierbar sein. Welche Route möglich ist, hängt zudem davon ab, welche Teile des Hirschgrabens am Besuchstag geöffnet sind.

Für den Spaziergang sind feste und bequeme Schuhe empfehlenswert. Nach Regen solltest du besonders auf glatte Steine, feuchte Treppen und weichen Untergrund achten.

Wie kommst du hin?

Der obere Hirschgraben ist am besten vom Bereich Hradschin und der Straße U Brusnice erreichbar. In der Nähe halten die Straßenbahnlinien an den Haltestellen Brusnice und Pražský hrad.

Für den östlichen Bereich bieten sich die Haltestelle Královský letohrádek und der Zugang in der Nähe des Lustschlosses der Königin Anna (Letohrádek královny Anny) an. Vom unteren Ende des Grabens kannst du außerdem weiter in Richtung Klárov und zur Metrostation Malostranská laufen.

Da nicht immer alle Zugänge geöffnet sind, solltest du deine Route flexibel planen. Der Hirschgraben ist weniger ein festgelegter Rundweg als eine landschaftliche Verbindung entlang der Nordseite der Prager Burg.