Gemeindehaus (Obecní dům)

Das Gemeindehaus (Obecní dům) gehört zu den eindrucksvollsten Jugendstilbauten in Prag. Direkt neben dem Pulverturm (Prašná brána) erhebt sich das reich verzierte Gebäude am Platz der Republik (náměstí Republiky) und markiert einen der wichtigsten Zugänge zur historischen Altstadt. Von außen fallen vor allem das große Mosaik über dem Haupteingang, die geschwungenen Balkone und die aufwendig gestalteten Skulpturen ins Auge. Im Inneren erwarten dich prachtvolle Säle, historische Leuchten, Wandmalereien, Glasarbeiten und original erhaltene Jugendstilmöbel. Das Gemeindehaus ist jedoch weit mehr als ein architektonisches Schmuckstück. Hier fanden wichtige Ereignisse auf dem Weg zur Gründung der Tschechoslowakei statt. Heute wird das Gebäude für Konzerte, Ausstellungen, Bälle und gesellschaftliche Veranstaltungen genutzt. Teile der Innenräume kannst du bei einer Führung, während eines Konzerts oder bei einem Besuch der gastronomischen Bereiche kennenlernen.

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Vom mittelalterlichen Königshof zum Gemeindehaus

An der Stelle des heutigen Gemeindehauses befand sich im Mittelalter der Königshof (Králův dvůr). König Wenzel IV. ließ die Residenz vermutlich gegen Ende des 14. Jahrhunderts errichten und nutzte sie zeitweise als Herrschersitz.

Auch mehrere seiner Nachfolger lebten im Königshof, bevor die böhmischen Könige ihren Sitz wieder dauerhaft auf die Prager Burg verlegten. Von der Residenz aus begannen die feierlichen Krönungszüge, die durch die Altstadt und über die Karlsbrücke hinauf zur Burg führten. Diese Strecke wurde später als Königsweg bekannt.

Nach dem Ende seiner Funktion als königliche Residenz wurde das Areal unter anderem als Priesterseminar, Kaserne und Kadettenschule genutzt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ließ die Stadt die verbliebenen Gebäude abreißen, um Platz für ein neues tschechisches Kultur- und Gesellschaftshaus zu schaffen.

Die Nähe zum Pulverturm erinnert noch heute an die mittelalterliche Geschichte des Ortes. Beide Gebäude sind durch einen überdachten Übergang miteinander verbunden. Im Inneren des Gemeindehauses ist zudem ein Teil des historischen Mauerwerks des Pulverturms erhalten.

Der Bau des Gemeindehauses

Der Prager Stadtrat beschloss 1902 den Bau eines repräsentativen Zentrums für das kulturelle und gesellschaftliche Leben der tschechischsprachigen Bevölkerung. Mit der Planung wurden die Architekten Antonín Balšánek und Osvald Polívka beauftragt.

Die Bauarbeiten begannen 1905. Im Jahr 1912 wurde das Gemeindehaus offiziell eröffnet. Die Architekten mussten den umfangreichen Gebäudekomplex auf einem unregelmäßigen Grundstück zwischen dem Pulverturm, dem Platz der Republik und der Straße U Obecního domu unterbringen.

Im Zentrum des Hauses liegt der große Smetana-Saal (Smetanova síň). Um ihn herum gruppieren sich kleinere Säle, Salons, Treppenhäuser, Ausstellungsräume und gastronomische Bereiche.

Architektonisch verbindet das Gemeindehaus Jugendstil mit neobarocken und historistischen Formen. Während die Grundstruktur des Gebäudes teilweise an repräsentative Paläste erinnert, zeigen sich in den Details die typischen Merkmale des Jugendstils: Pflanzenmotive, geschwungene Linien, farbiges Glas, dekorative Metallarbeiten und eine enge Verbindung zwischen Architektur und Kunsthandwerk.

Gemeindehaus in Prag mit Jugendstilfassade, Kuppel, Rundbogenfenstern und Außengastronomie am Platz der Republik
Das reich verzierte Gemeindehaus (Obecní dům) mit Kuppel, Jugendstilfassade und Außengastronomie am Platz der Republik.

Ein Gesamtkunstwerk des Prager Jugendstils

An der Ausstattung des Gemeindehauses waren zahlreiche bedeutende tschechische Künstler beteiligt. Dazu gehörten Alfons Mucha, Max Švabinský, Jan Preisler, František Ženíšek, Karel Špillar, Ladislav Šaloun und Josef Václav Myslbek.

Sie gestalteten Gemälde, Skulpturen, Wandverzierungen, Möbel, Leuchten, Textilien und Metallarbeiten. Dadurch entstand ein Gesamtkunstwerk, bei dem nahezu jedes Detail auf die Architektur des jeweiligen Raumes abgestimmt wurde.

Viele Einrichtungsgegenstände wurden speziell für das Gebäude entworfen. Selbst Türgriffe, Heizkörperverkleidungen, Lüftungsgitter und Lampen folgen dem gestalterischen Konzept des Hauses.

Die reich verzierte Fassade

Die Hauptfassade des Gemeindehauses ist dem Platz der Republik zugewandt. Über dem Haupteingang befindet sich das halbkreisförmige Mosaik „Apotheose Prags“ von Karel Špillar.

Das farbenreiche Kunstwerk stellt Prag als symbolische Figur dar. Es wird von allegorischen Skulpturen begleitet, die sich mit der Geschichte und dem nationalen Selbstverständnis Böhmens beschäftigen.

Unterhalb des Mosaiks liegt der Balkon des Primatorensaals. Skulpturen, Reliefs, vergoldete Ornamente und dekorative Leuchten ergänzen die Fassade. An der Ecke zum Pulverturm befindet sich die Figur „Geist der Geschichte“ von František Rous.

Besonders am frühen Morgen oder am Abend lassen sich die zahlreichen Details der Fassade gut betrachten. Nach Einbruch der Dunkelheit wird das Gebäude beleuchtet und bildet zusammen mit dem Pulverturm eines der markantesten Stadtbilder im Zentrum von Prag.

Der Smetana-Saal

Der Smetana-Saal (Smetanova síň) bildet das Herzstück des Gemeindehauses. Er ist nach dem tschechischen Komponisten Bedřich Smetana benannt und gehört zu den bedeutendsten Konzertsälen Prags.

Der Saal erstreckt sich über mehrere Etagen und wird von großen verglasten Deckenflächen überspannt. Geschwungene Balkone, Jugendstilleuchten, Skulpturen und Wandmalereien prägen den Innenraum.

Die künstlerische Ausstattung stammt unter anderem von František Ženíšek, Karel Špillar und Ladislav Šaloun. Allegorische Darstellungen beschäftigen sich mit Musik, Tanz, Poesie und Drama.

Über der Bühne befindet sich eine große Orgel mit einem Porträtmedaillon Bedřich Smetanas. Der Saal bietet bei Konzertbestuhlung Platz für mehr als 1.200 Besucher.

Seit den 1940er-Jahren ist der Smetana-Saal die wichtigste Spielstätte der Prager Symphoniker FOK (Symfonický orchestr hlavního města Prahy FOK). Außerdem finden hier regelmäßig Konzerte des internationalen Musikfestivals Prager Frühling (Pražské jaro) statt.

Der Primatorensaal von Alfons Mucha

Zu den künstlerischen Höhepunkten des Gemeindehauses gehört der Primatorensaal (Primátorský sál). Der kreisförmige Raum wurde von Alfons Mucha gestaltet, einem der bekanntesten Vertreter des Jugendstils.

Mucha entwarf nicht nur die Wand- und Deckengemälde, sondern auch Möbel, Vorhänge, Metallgitter und weitere dekorative Elemente. Dadurch wirkt der Saal besonders geschlossen und harmonisch.

Das zentrale Deckengemälde beschäftigt sich mit der Einheit der slawischen Völker. An den Wänden erscheinen symbolische Darstellungen von Gerechtigkeit, Stärke, Treue, Wachsamkeit und Unabhängigkeit.

Außerdem stellte Mucha bedeutende Persönlichkeiten der böhmischen Geschichte dar. Dazu gehören Jan Hus, Johann Amos Comenius, Georg von Podiebrad, die heilige Ludmila und Jan Žižka.

Der Primatorensaal wird bis heute für offizielle Empfänge, Zeremonien und besondere Veranstaltungen genutzt. Bei einer Führung gehört er meist zu den eindrucksvollsten Stationen.

Weitere Säle und Salons

Neben dem Smetana-Saal und dem Primatorensaal besitzt das Gemeindehaus zahlreiche kleinere Gesellschaftsräume. Jeder von ihnen wurde individuell gestaltet und einem bestimmten Thema oder einer historischen Persönlichkeit gewidmet.

Im Palacký-Saal (Palackého sál) befinden sich Gemälde von Jan Preisler. Der Rieger-Saal (Riegrův sál) ist mit Werken von Max Švabinský ausgestattet. Im Grégr-Saal (Grégrův sál) sind Arbeiten von František Ženíšek zu sehen.

Weitere Räume sind der Božena-Němcová-Salon (Salonek Boženy Němcové), der Orientalische Salon, der Mährisch-Slowakische Salon und der Sladkovský-Saal (Sladkovského sál).

Welche Räume du während einer Führung besichtigen kannst, hängt teilweise vom aktuellen Veranstaltungsprogramm ab. Einige Säle werden regelmäßig für Konzerte, Empfänge oder private Veranstaltungen genutzt.

Die Gründung der Tschechoslowakei

Das Gemeindehaus spielte eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Tschechoslowakei. Bereits während des Ersten Weltkriegs wurde es zu einem Zentrum der tschechischen Unabhängigkeitsbewegung.

Am 6. Januar 1918 wurde hier die Dreikönigsdeklaration verabschiedet, in der tschechische Abgeordnete das Recht auf einen selbstständigen Staat forderten. Wenige Monate später trug der Schriftsteller Alois Jirásek im Smetana-Saal den sogenannten Nationalen Eid vor.

Am 28. Oktober 1918 wurde im Grégr-Saal das Gesetz zur Gründung des unabhängigen tschechoslowakischen Staates beschlossen. Gleichzeitig verkündeten Vertreter des Nationalausschusses die Staatsgründung vom Balkon des Gemeindehauses aus.

Zu den beteiligten Politikern gehörten Antonín Švehla, Alois Rašín, František Soukup, Jiří Stříbrný und Vavro Šrobár. Sie wurden später als die Männer des 28. Oktober bezeichnet.

Damit ist das Gemeindehaus nicht nur ein Kulturdenkmal, sondern auch einer der wichtigsten historischen Orte der modernen tschechischen Staatlichkeit.

Das Gemeindehaus während der Samtenen Revolution

Nach der kommunistischen Machtübernahme im Jahr 1948 verlor das Gemeindehaus einen Teil seiner früheren gesellschaftlichen Bedeutung. Das Gebäude wurde weiterhin genutzt, jedoch über viele Jahre nur unzureichend gepflegt.

Während der Samtenen Revolution (Sametová revoluce) im November 1989 rückte es erneut in den Mittelpunkt der politischen Ereignisse. Im Gemeindehaus fanden Gespräche zwischen Vertretern des Bürgerforums um Václav Havel und der kommunistischen Regierung statt.

Im Smetana-Saal erklärten sich Schauspieler mit den streikenden Studenten solidarisch. Die Ereignisse knüpften symbolisch an die historische Bedeutung des Hauses als Ort politischer und gesellschaftlicher Veränderungen an.

Zwischen 1994 und 1997 wurde das Gemeindehaus umfassend restauriert. Historische Pläne, Fotografien und erhaltene Originalteile dienten als Grundlage für die Wiederherstellung der Säle, Möbel, Leuchten und Kunstwerke.

Das Gemeindehaus heute erleben

Heute ist das Gemeindehaus wieder eines der wichtigsten Kultur- und Veranstaltungszentren in Prag. Im Gebäude finden klassische Konzerte, Festivals, Ausstellungen, Bälle, Galaveranstaltungen, Kongresse und offizielle Empfänge statt.

Die repräsentativen Innenräume sind im Alltag nicht frei zugänglich. Du kannst sie hauptsächlich bei einer Führung, während eines Konzerts oder im Rahmen einer Veranstaltung besichtigen.

Führung durch die historischen Säle

Eine Führung ist die beste Möglichkeit, mehrere der reich ausgestatteten Räume kennenzulernen. Die Route führt normalerweise durch den Smetana-Saal, den Primatorensaal und verschiedene kleinere Salons.

Die Führungen dauern ungefähr eine Stunde. Sie werden in der Regel auf Tschechisch oder Englisch angeboten. Für deutschsprachige Besucher liegt häufig ein gedruckter Begleittext bereit.

Da das Gemeindehaus gleichzeitig als Veranstaltungsort genutzt wird, können sich Führungszeiten und Besichtigungsrouten kurzfristig ändern. Manche Räume sind bei Proben, Konzerten oder privaten Veranstaltungen nicht zugänglich.

Ein Konzert im Smetana-Saal

Ein Konzert im Smetana-Saal ist eine besondere Möglichkeit, das Gemeindehaus in seiner ursprünglichen Funktion zu erleben. Neben den Prager Symphonikern treten hier regelmäßig internationale Orchester, Solisten und Ensembles auf.

Das Programm umfasst vor allem klassische Musik, Sinfoniekonzerte und festliche Aufführungen. Besonders während des Prager Frühlings gehört der Smetana-Saal zu den zentralen Spielstätten des Festivals.

Bei einem Konzertbesuch kannst du in der Regel auch das Foyer, die Treppenhäuser und weitere öffentliche Bereiche des Gebäudes sehen. Die eigentlichen Gesellschaftssäle sind jedoch meist nur im Rahmen einer Führung zugänglich.

Café, Restaurant und American Bar

Auch ohne Führung oder Konzert kannst du Teile des Gemeindehauses besuchen. Im Erdgeschoss befinden sich mehrere gastronomische Einrichtungen mit historischer Ausstattung.

Das Jugendstilcafé besitzt hohe Fenster, Kronleuchter und dekorative Wandverkleidungen. Es eignet sich für Kaffee, Kuchen oder ein Frühstück in besonderem Ambiente.

Daneben befinden sich ein Restaurant, eine traditionelle Bierstube und eine kleine American Bar. Die Bar gehört zu den am aufwendigsten gestalteten historischen Innenräumen des Hauses und ist für ihre dunklen Holzverkleidungen und farbigen Glasdetails bekannt.

Die gastronomischen Bereiche werden unabhängig vom Besichtigungsbetrieb geführt. Öffnungszeiten, Reservierungsmöglichkeiten und Zugänglichkeit können sich daher unterscheiden.

Besichtigung und Eintritt

Die historischen Säle des Gemeindehauses kannst du normalerweise nur im Rahmen einer organisierten Führung besichtigen. Die Termine richten sich nach dem Konzert- und Veranstaltungsprogramm und werden häufig nur für einen begrenzten Zeitraum im Voraus veröffentlicht.

Stand August 2026 kostet eine reguläre Führung für Erwachsene 320 CZK. Ermäßigte Eintrittskarten werden für 270 CZK angeboten. Eine Familienkarte kostet 660 CZK. Kinder unter zehn Jahren können derzeit kostenlos teilnehmen.

Da sich Eintrittspreise und Führungszeiten ändern können, solltest du die aktuellen Angaben vor deinem Besuch noch einmal auf der offiziellen Internetseite des Gemeindehauses prüfen.

Tickets erhältst du an der historischen Kasse im Erdgeschoss. Bei beliebten Terminen kann es sinnvoll sein, die Eintrittskarten vorab zu reservieren.

Wie kommst du hin?

Das Gemeindehaus (Obecní dům) befindet sich direkt am Platz der Republik (náměstí Republiky) im Zentrum von Prag.

Adresse:
náměstí Republiky 1090/5
Prag 1 – Altstadt

Die nächstgelegene Metrostation ist Platz der Republik (Náměstí Republiky) an der Linie B. Der Ausgang in Richtung Gemeindehaus und Pulverturm führt beinahe direkt vor das Gebäude.

Auch mehrere Straßenbahnlinien halten am Platz der Republik. Vom Altstädter Ring (Staroměstské náměstí) erreichst du das Gemeindehaus zu Fuß durch die Celetná-Straße in etwa zehn Minuten.

Sehenswürdigkeiten in der Umgebung

Unmittelbar neben dem Gemeindehaus steht der Pulverturm (Prašná brána), einer der bekanntesten historischen Stadttürme Prags. Von hier beginnt die Celetná-Straße, die zum Altstädter Ring führt und einen Teil des historischen Königswegs bildet.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes befindet sich das Einkaufszentrum Palladium. Wenige Gehminuten entfernt liegen außerdem das Haus zur Schwarzen Muttergottes (Dům U Černé Matky Boží) mit dem Museum des tschechischen Kubismus, die Hybernia-Kirche (Kostel Neposkvrněného početí Panny Marie) und das Theater Hybernia (Divadlo Hybernia).

Das Gemeindehaus lässt sich deshalb gut mit einem Spaziergang vom Platz der Republik über den Pulverturm und die Celetná-Straße bis zum Altstädter Ring verbinden.