Mitten auf dem Altstädter Ring (Staroměstské náměstí) steht eines der geschichtsträchtigsten Denkmäler der Prager Altstadt: die Mariensäule (Mariánský sloup). Die hohe barocke Säule mit der Marienfigur wirkt auf den ersten Blick wie ein klassisches religiöses Monument. Ihre Geschichte reicht jedoch weit über Kunst und Architektur hinaus. Das ursprüngliche Denkmal wurde bereits 1650 errichtet, 1918 nach der Gründung der Tschechoslowakei zerstört und erst mehr als 100 Jahre später wiederaufgebaut. Seit 2025 ist auch die rekonstruierte Skulpturengruppe am Sockel wieder vollständig.

Ein barockes Denkmal aus dem Jahr 1650
Die ursprüngliche Mariensäule auf dem Altstädter Ring entstand im Jahr 1650. Kaiser Ferdinand III. ließ sie als Dank für die Verteidigung Prags gegen schwedische Truppen am Ende des Dreißigjährigen Krieges errichten.
1648 hatten schwedische Truppen Teile Prags erobert und unter anderem die Kleinseite (Malá Strana) und die Prager Burg besetzt. Die Alt- und Neustadt konnten jedoch verteidigt werden.
Mit der Mariensäule sollte an diese Ereignisse erinnert und der Jungfrau Maria für den Schutz der Stadt gedankt werden.
Für die künstlerische Gestaltung war der böhmische Bildhauer Jan Jiří Bendl verantwortlich. Das Monument gehört zu den bedeutenden Beispielen des frühen Barocks in Prag.
Maria über dem Altstädter Ring
Ganz oben auf der Säule steht die Figur der Maria Immaculata. Maria wird als Jungfrau dargestellt, die über dem Bösen triumphiert.
Unter ihren Füßen befindet sich ein Drache, der symbolisch für das überwundene Böse steht.
Auch der Sockel war ursprünglich aufwendig gestaltet. An seinen vier Ecken befanden sich Engelsfiguren, die verschiedene Tugenden verkörperten und gegen allegorische Gestalten des Bösen kämpften.
Damit war die Mariensäule weit mehr als eine einzelne Statue. Sie bildete ein umfangreiches barockes Skulpturenensemble mitten auf dem wichtigsten Platz der Prager Altstadt.
Die Mariensäule und der Prager Meridian
Eine Besonderheit der Mariensäule hatte mit der Zeitmessung zu tun.
Der Schatten der Säule diente früher als Teil einer großen Sonnenuhr auf dem Altstädter Ring. Im Pflaster verlief der sogenannte Prager Meridian (Pražský poledník).
Wenn der Schatten der Mariensäule auf diese Linie fiel, war nach der örtlichen Sonnenzeit Mittag.
Der historische Meridian ist heute wieder im Pflaster des Altstädter Rings markiert. Durch die Wiedererrichtung der Säule besitzt die Linie seit 2020 auch wieder ihren ursprünglichen Schattenwerfer.
Wenn du über den Platz gehst, lohnt sich deshalb nicht nur ein Blick nach oben zur Marienfigur, sondern auch auf das Pflaster rund um die Säule.
Warum die Mariensäule 1918 zerstört wurde
Die Geschichte der Mariensäule änderte sich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs grundlegend.
Am 3. November 1918, nur wenige Tage nach der Gründung der unabhängigen Tschechoslowakei, wurde das Denkmal von einer Gruppe um den Schriftsteller und Žižkover Bohém Franta Sauer umgestürzt.
Die Säule wurde von ihren Gegnern nicht mehr nur als religiöses Denkmal verstanden. Sie galt zunehmend als Symbol der Habsburger Monarchie, der katholischen Kirche und der Rekatholisierung Böhmens.
Beim Umsturz zerbrach das historische Monument in mehrere Teile. Auch die Marienfigur wurde schwer beschädigt.
Die ursprüngliche Bedeutung der Säule war allerdings komplexer: Sie war 1650 in erster Linie als Dankesdenkmal für die Verteidigung Prags gegen die Schweden errichtet worden.
Genau dieser Gegensatz zwischen historischer Entstehung und späterer politischer Interpretation führte dazu, dass die Mariensäule auch Jahrzehnte nach ihrer Zerstörung kontrovers blieb.
Mariensäule und Jan-Hus-Denkmal
Nur wenige Meter von der Mariensäule entfernt befindet sich das monumentale Jan-Hus-Denkmal (Pomník mistra Jana Husa).
Es wurde 1915 enthüllt und erinnert an den böhmischen Reformator Jan Hus.
Zwischen 1915 und 1918 standen damit beide Denkmäler gleichzeitig auf dem Altstädter Ring.
Auch optisch unterscheiden sie sich deutlich voneinander. Während die Mariensäule schlank und vertikal in die Höhe ragt, breitet sich das große Hus-Denkmal horizontal über einen Teil des Platzes aus.
Gleichzeitig stehen die beiden Monumente für unterschiedliche Kapitel der böhmischen Religions- und Staatsgeschichte. Heute gehören beide wieder gemeinsam zum Erscheinungsbild des Altstädter Rings.
Mehr als 100 Jahre ohne Mariensäule
Nach ihrer Zerstörung blieb der ursprüngliche Standort der Mariensäule jahrzehntelang leer.
Immer wieder gab es Initiativen für eine Rekonstruktion. Besonders nach der politischen Wende von 1989 wurden die Bemühungen intensiver.
Der tschechische Bildhauer Petr Váňa beschäftigte sich viele Jahre mit der Rekonstruktion des historischen Denkmals. Dabei mussten erhaltene Fragmente, historische Fotografien und andere Dokumente ausgewertet werden.
Das Projekt blieb allerdings umstritten.
Befürworter sahen in der Rekonstruktion die Wiederherstellung eines bedeutenden barocken Kunstwerks und eines wichtigen Teils des historischen Altstädter Rings.
Kritiker befürchteten dagegen eine symbolische Wiederbelebung der Habsburgerzeit und der katholischen Rekatholisierung.
Rückkehr auf den Altstädter Ring
Nach jahrzehntelangen Diskussionen genehmigte die Prager Stadtvertretung schließlich die Wiedererrichtung.
Am 4. Juni 2020 wurde die rekonstruierte Mariensäule wieder auf dem Altstädter Ring aufgestellt.
Damit kehrte das Denkmal nach mehr als 100 Jahren an seinen historischen Standort zurück.
Die Rekonstruktion war zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht vollständig. Zunächst fehlten die vier großen Engelsfiguren am Sockel.
Drei der rekonstruierten Engel wurden im Januar 2024 aufgestellt. Der vierte folgte im November desselben Jahres.
Im April 2025 wurden schließlich noch fehlende Flügel ergänzt. Damit war auch die bildhauerische Ausstattung der rekonstruierten Mariensäule wieder vollständig.
Was du heute sehen kannst
Heute besteht das Denkmal wieder aus der hohen Säule mit der Marienfigur sowie den aufwendig gestalteten Skulpturen rund um den Sockel.
Gerade die Engel sind einen genaueren Blick wert. Aus etwas Entfernung konzentriert sich die Aufmerksamkeit meist auf die Marienfigur an der Spitze, während die zahlreichen Details im unteren Bereich leicht übersehen werden.
Besonders eindrucksvoll wirkt die Säule aus Richtung des Altstädter Rathauses (Staroměstská radnice). Von verschiedenen Positionen auf dem Platz lassen sich außerdem die Türme der Teynkirche (Chrám Matky Boží před Týnem) zusammen mit der Mariensäule sehen.
Ein Denkmal mit ungewöhnlich bewegter Geschichte
Die Mariensäule gehört zu den Orten auf dem Altstädter Ring, deren Geschichte sich nicht auf eine einzige Epoche reduzieren lässt.
Sie erinnert an den Dreißigjährigen Krieg und die Verteidigung Prags im Jahr 1648, steht für die religiöse Kunst des Barocks und wurde später selbst zum Symbol politischer Auseinandersetzungen.
Ihre Zerstörung 1918 und die jahrzehntelange Debatte über die Wiedererrichtung zeigen zugleich, wie unterschiedlich historische Denkmäler zu verschiedenen Zeiten wahrgenommen werden können.
Gerade dadurch unterscheidet sich die Mariensäule von vielen anderen Sehenswürdigkeiten der Prager Altstadt.
Wo befindet sich die Mariensäule?
Die Mariensäule (Mariánský sloup) steht direkt auf dem Altstädter Ring (Staroměstské náměstí) im historischen Zentrum von Prag.
Sie befindet sich nur wenige Schritte vom Altstädter Rathaus, der Prager Rathausuhr (Pražský orloj), der Teynkircheund dem Jan-Hus-Denkmal entfernt.
Wenn du den Altstädter Ring besuchst, kommst du daher praktisch automatisch an der Säule vorbei.
Wie kommst du hin?
Am einfachsten erreichst du den Altstädter Ring zu Fuß aus der Prager Altstadt.
Die nächstgelegene Metrostation ist Staroměstská der Linie A. Von dort sind es etwa fünf bis zehn Minuten zu Fuß bis zum Platz.
Auch vom Wenzelsplatz (Václavské náměstí) oder von der Karlsbrücke (Karlův most) kannst du die Mariensäule bequem bei einem Spaziergang durch die Altstadt erreichen.
Sehenswürdigkeiten in der Umgebung
Rund um die Mariensäule befinden sich einige der bekanntesten Sehenswürdigkeiten Prags.
Direkt auf dem Altstädter Ring findest du das Altstädter Rathaus mit der Prager Rathausuhr, die Teynkirche, die St.-Nikolaus-Kirche in der Altstadt (Kostel svatého Mikuláše) und das Jan-Hus-Denkmal.
Nur wenige Minuten entfernt liegen außerdem das Klementinum, die Josefstadt (Josefov) und der Zugang zur Karlsbrücke.
Die Mariensäule lässt sich deshalb besonders gut als Teil eines Rundgangs durch die Prager Altstadt besuchen.






Quellen:
- https://prague.eu/cs/objevujte/mariansky-sloup/
- https://prague.eu/cs/objevujte/staromestske-namesti/
- https://ct24.ceskatelevize.cz/clanek/domaci/mariansky-sloup-se-vratil-na-staromestske-namesti-vztyceni-zavrsilo-desetileti-sporu-49968
- https://ct24.ceskatelevize.cz/clanek/regiony/hlavni-mesto-praha/mariansky-sloup-se-zrejme-vrati-na-staromestske-namesti-zastupitele-zmenili-drivejsi-zamitavy-postoj-53630
- https://marianskysloup.info/tri-sochy-andelu-osazeny/
- https://marianskysloup.info/ctvrty-andel-osazen/
- https://www.marianskysloup.cz/clanky/aktuality/socharska-vyzdoba-sloupu-dokoncena.html
