Einmal im Jahr beginnt der Tag auf der Karlsbrücke (Karlův most) ungewöhnlich früh. Noch bevor die Altstadtgassen voller Besucher sind, ziehen Kaiser Karl IV., Ritter, Trommler, Musiker und Fahnenträger über die berühmte Moldaubrücke. Anlass ist der Jahrestag ihrer Grundsteinlegung, die der Überlieferung zufolge am 9. Juli 1357 um exakt 5:31 Uhr stattgefunden haben soll.
Die historische Feier gehört zu den außergewöhnlichsten Veranstaltungen in Prag. Statt einer großen Bühne oder eines modernen Festivals erwartet dich eine stimmungsvolle Zeremonie im ersten Morgenlicht. Der Höhepunkt findet um 5:31 Uhr auf dem Kreuzherrenplatz (Křižovnické náměstí) statt, wo symbolisch an die Grundsteinlegung der Karlsbrücke erinnert wird.

Ein besonderer Morgen auf der Karlsbrücke
Die Veranstaltung beginnt gewöhnlich gegen 5:00 Uhr an den Kleinseitner Brückentürmen (Malostranské mostecké věže). Von dort setzt sich ein historischer Umzug über die Karlsbrücke in Richtung Altstadt in Bewegung.
Angeführt wird der Zug von Darstellern in den Rollen Kaiser Karls IV. und seiner Gemahlin. Begleitet werden sie von Rittern, Soldaten, Musikern, Trommlern, Fahnenträgern und weiteren Figuren in historischen Kostümen.
Gerade die frühe Uhrzeit macht den besonderen Reiz der Feier aus. Die Karlsbrücke wirkt am Morgen deutlich ruhiger als während des Tages. Während die Sonne langsam über den Dächern der Altstadt aufgeht, ziehen die historischen Darsteller an den barocken Heiligenfiguren vorbei.
Für kurze Zeit entsteht der Eindruck, die Brücke gehöre wieder zu jener Epoche, in der sie noch als wichtigste Verbindung zwischen der Prager Altstadt und der Kleinseite diente.

Wann wurde der Grundstein der Karlsbrücke gelegt?
Der Überlieferung zufolge wurde der Grundstein der Karlsbrücke am 9. Juli 1357 um 5:31 Uhr gelegt. Kaiser Karl IV. soll den Beginn der Bauarbeiten persönlich begleitet oder sogar selbst den ersten Stein gesetzt haben.
Historisch eindeutig belegt ist vor allem, dass der Bau der neuen Steinbrücke während der Regierungszeit Karls IV. im Jahr 1357 begann. Ob die Grundsteinlegung tatsächlich an diesem Tag und zu dieser genauen Uhrzeit stattfand, lässt sich dagegen nicht zweifelsfrei nachweisen.
Das Datum ist dennoch fest mit der Geschichte der Karlsbrücke verbunden. Es bildet die Grundlage für die jährlich stattfindende Gedenkfeier und gehört inzwischen zu den bekanntesten Legenden rund um das Prager Wahrzeichen.
Die geheimnisvolle Zahlenfolge 135797531
Die ungewöhnliche Uhrzeit von 5:31 Uhr hängt mit einer symmetrischen Zahlenfolge zusammen. Werden Jahr, Tag, Monat und Uhrzeit nacheinander geschrieben, entsteht folgende Reihe:
1 – 3 – 5 – 7 – 9 – 7 – 5 – 3 – 1
Die Zahlen steigen zunächst in ungeraden Schritten bis zur Neun an und fallen anschließend spiegelbildlich wieder ab.
Die Folge setzt sich aus diesen Angaben zusammen:
1357 – das Jahr der Grundsteinlegung
9 – der Tag
7 – der Monat Juli
5:31 – die überlieferte Uhrzeit
Nach einer verbreiteten Theorie wurde der Zeitpunkt bewusst gewählt. Die harmonische Zahlenfolge sollte dem Bauwerk Stärke, Beständigkeit und Schutz verleihen.
Ob Karl IV. die Grundsteinlegung tatsächlich nach numerologischen Regeln planen ließ, ist historisch nicht eindeutig belegt. Bekannt ist jedoch, dass Zahlen, Astrologie und religiöse Symbolik am Hof des Kaisers eine bedeutende Rolle spielten.
Astrologie und Symbolik unter Karl IV.
Karl IV. war nicht nur ein politischer Herrscher, sondern auch ein Förderer von Wissenschaft, Kunst, Architektur und Religion. Die von ihm in Auftrag gegebenen Bauwerke waren häufig mit einer tieferen symbolischen Bedeutung verbunden.
Auch für die Grundsteinlegung der Karlsbrücke soll eine astrologisch günstige Konstellation gewählt worden sein. Verschiedene Deutungen bringen den Zeitpunkt unter anderem mit dem Sternzeichen Krebs, dem Planeten Saturn und dem Löwen als Symbol des böhmischen Königreichs in Verbindung.
Solche Überlegungen passen zum Weltbild des 14. Jahrhunderts. Architektur sollte nicht nur praktisch und repräsentativ sein, sondern zugleich die göttliche und kosmische Ordnung widerspiegeln.
Heute gehören diese astrologischen Theorien zu den faszinierendsten Geschichten über die Karlsbrücke. Sie sollten allerdings als historische Deutung und nicht als gesicherte Tatsache verstanden werden.
Warum musste eine neue Brücke gebaut werden?
Vor der Karlsbrücke führte die Judithbrücke (Juditin most) über die Moldau. Die romanische Steinbrücke war im 12. Jahrhundert errichtet worden und verband bereits damals die Altstadt mit der Kleinseite.
Im Jahr 1342 wurde sie bei einem schweren Hochwasser stark beschädigt. Teile der Brücke stürzten ein oder waren anschließend nicht mehr sicher nutzbar. Für die wachsende Stadt wurde deshalb eine neue, stabilere Verbindung benötigt.
Karl IV. ließ eine breitere und höher gelegene Steinbrücke errichten. Sie sollte nicht nur den Verkehr erleichtern, sondern auch die Bedeutung Prags als kaiserliche Residenzstadt unterstreichen.
Die neue Brücke wurde etwas weiter südlich als die Judithbrücke gebaut. Einzelne Überreste der älteren Konstruktion sind bis heute erhalten und können teilweise im Bereich der Kleinseite und im Museum der Karlsbrücke (Muzeum Karlova mostu) besichtigt werden.
Wer baute die Karlsbrücke?
Als erster namentlich bekannter Baumeister gilt Meister Otto. Nach seinem Tod im Jahr 1375 wurden die Arbeiten vermutlich von der Bauhütte Peter Parlers weitergeführt.
Peter Parler gehörte zu den bedeutendsten Architekten des mittelalterlichen Prag. Er war unter anderem am Bau des Veitsdoms (Katedrála svatého Víta) und des Altstädter Brückenturms (Staroměstská mostecká věž) beteiligt.
Der Bau der Karlsbrücke dauerte viele Jahrzehnte. Erst zu Beginn des 15. Jahrhunderts war die Konstruktion weitgehend vollendet. Die heute bekannten barocken Heiligenfiguren kamen sogar noch deutlich später hinzu. Die meisten von ihnen wurden erst im 17. und 18. Jahrhundert aufgestellt.
Ursprünglich wurde das Bauwerk meist als Steinbrücke oder Prager Brücke bezeichnet. Der Name Karlsbrücke setzte sich erst im 19. Jahrhundert allgemein durch.
Was passiert bei der Grundsteinzeremonie?
Nachdem der historische Umzug die Karlsbrücke überquert hat, erreicht er den Kreuzherrenplatz an der Altstädter Seite. Dort befindet sich auch das Museum der Karlsbrücke.
Um genau 5:31 Uhr wird symbolisch auf einen Grundstein geschlagen. Die Zeremonie erinnert an den angenommenen Beginn der Bauarbeiten im Jahr 1357.
Zum Begleitprogramm gehören je nach Jahr:
- mittelalterliche Musik
- historische Tänze
- Trommel- und Fahnendarbietungen
- Ritter und Soldaten in historischen Kostümen
- Schaukämpfe
- Vorträge zur Geschichte der Karlsbrücke
- eine kirchliche Messe
- freier oder vergünstigter Zugang zum Museum der Karlsbrücke
Das genaue Programm kann von Jahr zu Jahr variieren. Der historische Umzug und die symbolische Grundsteinlegung um 5:31 Uhr bilden jedoch den festen Mittelpunkt der Veranstaltung.
Die Legende vom Eiermörtel
Kaum eine Geschichte über den Bau der Karlsbrücke ist so bekannt wie die Legende vom Eiermörtel. Demnach wurden Eier, Milch, Quark oder Wein in den Mörtel gemischt, um die Brücke besonders widerstandsfähig zu machen.
Karl IV. soll Städte und Dörfer in ganz Böhmen aufgefordert haben, Eier nach Prag zu schicken. Aus Angst, die Eier könnten auf dem Transport zerbrechen, hätten die Einwohner einer Stadt sogar gekochte Eier geschickt. Eine andere Gemeinde soll Käse statt Milch geliefert haben.
Diese Geschichten werden bis heute gerne erzählt und gehören zur Prager Folklore. Wissenschaftliche Untersuchungen des historischen Mörtels lieferten allerdings unterschiedliche Ergebnisse. Ein eindeutiger Beweis dafür, dass beim Bau der Karlsbrücke tatsächlich Eier verwendet wurden, existiert nicht.
Bei der jährlichen Grundsteinfeier wird die Legende dennoch manchmal aufgegriffen. Im Museum oder in der angeschlossenen Cafeteria werden passend zum Thema gelegentlich Eierspeisen angeboten.
Die Grundsteinlegung der Karlsbrücke 2026
Im Jahr 2026 wurde der 669. Jahrestag der überlieferten Grundsteinlegung gefeiert. Das Programm verteilte sich auf den 8. und 9. Juli.
Am Abend des 8. Juli fand im Museum der Karlsbrücke ein historisches Symposium statt. Die Vorträge beschäftigten sich unter anderem mit den Heiligenfiguren der Karlsbrücke und der Darstellung mittelalterlicher Herrscher am Altstädter Brückenturm.
Am Morgen des 9. Juli begann der historische Umzug gegen 5:00 Uhr an den Kleinseitner Brückentürmen. Darsteller in den Rollen Karls IV. und Anna von Schweidnitz zogen gemeinsam mit Rittern, Soldaten, Musikern und Fahnenträgern über die Karlsbrücke.
Um 5:31 Uhr folgte die symbolische Grundsteinzeremonie auf dem Kreuzherrenplatz. Anschließend wurden mittelalterliche Musik, Tänze, Trommelvorführungen und historische Schaukämpfe präsentiert.
Den Abschluss bildete eine Messe in der Kirche des heiligen Franziskus von Assisi (Kostel svatého Františka z Assisi). Das Museum der Karlsbrücke öffnete am Morgen zeitweise kostenlos.
Lohnt sich das frühe Aufstehen?
Die Veranstaltung beginnt zu einer Uhrzeit, zu der die meisten Prag-Besucher noch schlafen. Gerade deshalb lohnt sich der frühe Start.
Während die Karlsbrücke am Nachmittag oft dicht gefüllt ist, herrscht am frühen Morgen eine deutlich ruhigere Atmosphäre. Die Kombination aus Sonnenaufgang, historischen Kostümen und mittelalterlicher Musik macht die Feier auch dann interessant, wenn du dich normalerweise nicht ausführlich mit Geschichte beschäftigst.
Besonders empfehlenswert ist die Veranstaltung für:
- Geschichtsinteressierte
- Fotografen
- Familien mit älteren Kindern
- Besucher, die Prag abseits der üblichen Tageszeiten erleben möchten
- Fans von historischen Festen und Mittelaltermärkten
- Reisende, die nach einer ungewöhnlichen kostenlosen Veranstaltung suchen
Da das Programm im öffentlichen Raum stattfindet, kannst du den Umzug und die Zeremonie in der Regel ohne Eintrittskarte verfolgen.
Tipps für deinen Besuch
Komme möglichst vor 5:00 Uhr zu den Kleinseitner Brückentürmen. So kannst du dir in Ruhe einen geeigneten Platz suchen und den Beginn des Umzugs erleben.
Für Fotos eignet sich zunächst die Kleinseitner Seite der Karlsbrücke. Später kannst du dem Umzug in Richtung Kreuzherrenplatz folgen. Achte darauf, den historischen Zug nicht zu blockieren und anderen Besuchern ausreichend Platz zu lassen.
Auch im Juli kann es am frühen Morgen kühl sein. Eine leichte Jacke ist deshalb sinnvoll. Da Cafés und Geschäfte zu dieser Zeit noch weitgehend geschlossen sind, solltest du Wasser und einen kleinen Snack mitnehmen.
Informiere dich kurz vor der Veranstaltung über das aktuelle Programm. Beginn, Strecke und einzelne Programmpunkte können sich ändern.
Wie kommst du zur Karlsbrücke?
Die Feier beginnt normalerweise an den Kleinseitner Brückentürmen am westlichen Ende der Karlsbrücke.
Die nächstgelegene Straßenbahnhaltestelle ist Kleinseitner Ring (Malostranské náměstí). Von dort erreichst du die Brückentürme in wenigen Minuten zu Fuß. Welche Straßenbahnlinien zu dieser frühen Uhrzeit fahren, hängt vom aktuellen Nacht- und Frühfahrplan ab.
Von der Altstadtseite kannst du über den Kreuzherrenplatz zur Karlsbrücke gelangen. Die nächstgelegene Metrostation ist Altstadt (Staroměstská) der Linie A. Von dort sind es ungefähr zehn Minuten zu Fuß.
Da die Veranstaltung bereits gegen 5:00 Uhr beginnt, solltest du die Verbindung am Vorabend prüfen. Besonders bequem ist der Besuch, wenn deine Unterkunft in der Altstadt, auf der Kleinseite oder im Bereich der Prager Burg liegt.
Womit lässt sich die Feier verbinden?
Nach dem Ende der Veranstaltung kannst du einen frühen Spaziergang durch die Kleinseite unternehmen. Am Morgen sind die Neruda-Straße (Nerudova), der Kleinseitner Ring und die Wege hinauf zur Prager Burg oft noch vergleichsweise ruhig.
Auch die Altstadt lässt sich zu dieser Uhrzeit besonders angenehm erkunden. Vom Kreuzherrenplatz erreichst du in wenigen Minuten den Altstädter Ring (Staroměstské náměstí), das Klementinum und das jüdische Viertel.
Direkt neben dem Kreuzherrenplatz befindet sich das Museum der Karlsbrücke. Es informiert über die Judithbrücke, den Bau der Karlsbrücke, mittelalterliche Bautechniken und die historische Entwicklung des Moldauübergangs.
Eine weitere passende Ergänzung ist der Altstädter Brückenturm. Von seiner Aussichtsplattform hast du einen der schönsten Blicke auf die Karlsbrücke, die Kleinseite und die Prager Burg. Die Öffnungszeiten beginnen allerdings deutlich später als die Grundsteinfeier.
Ein ungewöhnliches historisches Erlebnis in Prag
Die Feier zur Grundsteinlegung der Karlsbrücke verbindet Baugeschichte, Legenden und historische Inszenierungen an einem der bekanntesten Orte Prags. Ihre besondere Atmosphäre entsteht vor allem durch die frühe Uhrzeit.
Während die Stadt langsam erwacht, ziehen Karl IV., Ritter und Musiker über die fast menschenleere Brücke. Um 5:31 Uhr erinnert der symbolische Schlag auf den Grundstein an einen Moment, der mehr als sechs Jahrhunderte zurückliegt.
Ob sich die Grundsteinlegung tatsächlich genauso ereignete, ist nicht sicher. Doch gerade die Verbindung aus belegter Geschichte, mittelalterlicher Symbolik und Prager Legenden macht die Veranstaltung zu einem besonderen Erlebnis.
Quellen:
- https://www.polozenizakladnihokamenekarlovamostu.cz/
- https://www.muzeumkarlovamostu.cz/cz/historie/karluv-most
- https://prague.eu/de/objevujte/karlsbruecke-karluv-most/
- https://praha.eu/w/669-vyroci-polozeni-zakladniho-kamene-karlova-mostu
- https://www.irozhlas.cz/zpravy-domov/prahou-prosel-kralovsky-pruvod-pripomnel-669-let-od-zalozeni-karlova-mostu-o_2607091717_jho
- https://www.vscht.cz/popularizace/media/tiskove-zpravy/5756/6264?jazyk=cs
- https://ct24.ceskatelevize.cz/clanek/kultura/prohlednete-si-jak-sel-cas-po-karlove-moste-117335