Das Neue Rathaus (Nová radnice) am Marienplatz (Mariánské náměstí) gehört zu den markanten Verwaltungsgebäuden der Prager Altstadt. Seine reich verzierte Fassade, die Figuren am Haupteingang und die Architektur der Prager Secession unterscheiden sich deutlich von den mittelalterlichen Bauwerken der näheren Umgebung. Das zwischen 1908 und 1911 errichtete Gebäude ist heute der wichtigste Sitz der Prager Stadtverwaltung. Hier befinden sich unter anderem der Magistrat, das Büro des Oberbürgermeisters und zentrale politische Einrichtungen der tschechischen Hauptstadt.

Vom Verwaltungsneubau zum Prager Rathaus
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts benötigte die stark wachsende Prager Stadtverwaltung deutlich mehr Platz. Die Räumlichkeiten im historischen Altstädter Rathaus (Staroměstská radnice) reichten für die zunehmenden Aufgaben nicht mehr aus.
1904 schrieb die Stadt deshalb einen Architekturwettbewerb für einen neuen Verwaltungsbau aus. Durchsetzen konnte sich der Prager Architekt Osvald Polívka, der wenige Jahre später auch an der Gestaltung des berühmten Gemeindehauses beteiligt war.
Nach mehreren Überarbeitungen seines Entwurfs begann 1908 der Bau. 1911 wurde das Neue Rathaus fertiggestellt.
Ursprünglich war das Gebäude vor allem für die städtische Finanzverwaltung und das Steueramt vorgesehen. Erst später entwickelte es sich zum politischen Zentrum der Stadt.
Architektur der Prager Secession
Das Neue Rathaus zählt zu den bedeutenden Beispielen der Prager Secessionsarchitektur des frühen 20. Jahrhunderts.
Die monumentale Fassade zum Marienplatz verbindet klassische Architekturelemente mit dekorativen Formen des Jugendstils. Pilaster, Säulen, Balkone, plastischer Fassadenschmuck und zahlreiche kleine Details prägen das Erscheinungsbild.
An der künstlerischen Ausstattung waren mehrere bekannte tschechische Bildhauer beteiligt, darunter Ladislav Šaloun, Josef Mařatka und Stanislav Sucharda.
Auch konstruktiv war das Gebäude für seine Zeit modern. Große Teile wurden bereits mit einer Eisenbetonkonstruktion errichtet.
Rabbi Löw und der Eiserne Ritter
Besonders interessant sind die Figuren am monumentalen Haupteingang des Rathauses.
In den Nischen der Fassade stehen Rabbi Löw und der Eiserne Ritter. Beide Figuren verbinden das Verwaltungsgebäude mit der Sagenwelt der Prager Altstadt.
Rabbi Löw, mit vollständigem Namen Jehuda Löw ben Bezalel, gehört zu den bekanntesten Persönlichkeiten der jüdischen Geschichte Prags. In später entstandenen Legenden wird er vor allem mit der Geschichte des Prager Golems in Verbindung gebracht.
Der Eiserne Ritter wiederum erinnert an eine alte Prager Sage über einen verfluchten Ritter, dessen Geschichte seit Jahrhunderten mit der Altstadt verbunden wird.
Gerade diese beiden Figuren machen die Fassade zu einem interessanten Detail für Besucher, die sich für die weniger offensichtlichen Geschichten Prags interessieren.
Was früher an dieser Stelle stand
Die Geschichte des Grundstücks reicht wesentlich weiter zurück als die des heutigen Rathauses.
Bereits im Mittelalter befanden sich hier verschiedene Gebäude. Zu den wichtigsten gehörte die St.-Linhart-Kirche, die über Jahrhunderte zum Stadtbild dieses Teils der Altstadt gehörte und Ende des 18. Jahrhunderts abgerissen wurde.
Archäologische Spuren älterer Bebauung befinden sich bis heute im Bereich des Rathauses.
Das Neue Rathaus steht damit auf einem Ort, dessen Geschichte bis in das mittelalterliche Prag zurückreicht.
Die große Halle im Inneren
Zu den wichtigsten ursprünglichen Innenräumen gehörte eine große, von einem Glasdach überspannte Halle.
Sie bildete das Zentrum der damaligen Finanzverwaltung. Rund um die Halle befanden sich zahlreiche Büros, während in den Untergeschossen umfangreiche Archivräume eingerichtet wurden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die ehemalige Finanzhalle umgebaut. Aus ihr entstand der große Sitzungssaal, der bis heute zu den wichtigsten Räumen des Rathauses gehört.
Hier finden unter anderem Sitzungen der politischen Vertretung der Hauptstadt, Konferenzen und offizielle Veranstaltungen statt.
Seit 1945 Sitz der Prager Stadtverwaltung
Seine heutige Bedeutung erhielt das Neue Rathaus nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
Während des Prager Maiaufstands 1945 wurde das historische Altstädter Rathaus schwer beschädigt. Teile des Gebäudekomplexes brannten aus und wurden später nicht wieder aufgebaut.
In der Folge verlagerte sich die zentrale Stadtverwaltung in das Neue Rathaus am Marienplatz.
Seit 1945 ist es der wichtigste Verwaltungssitz der tschechischen Hauptstadt. Auch das Büro des Prager Oberbürgermeisters befindet sich hier.
Der Paternoster im Neuen Rathaus
Eine Besonderheit des Gebäudes ist sein Paternoster-Aufzug.
Bei einem Paternoster bewegen sich offene Kabinen ohne Unterbrechung in einem Schacht nach oben beziehungsweise nach unten. Fahrgäste steigen während der langsamen Bewegung ein und aus.
Das Neue Rathaus gehörte zu den ersten Prager Gebäuden, in denen diese damals moderne Aufzugstechnik eingesetzt wurde. Ursprünglich verfügte der Komplex sogar über zwei Anlagen.
Heute ist der Paternoster eines der bekanntesten technischen Details des Rathauses.
Das Gebäude ist allerdings weiterhin ein aktiver Verwaltungssitz. Der Aufzug kann deshalb nicht einfach wie eine touristische Attraktion frei genutzt werden. Zu ausgewählten Terminen werden Führungen angeboten, bei denen neben dem Paternoster auch repräsentative Innenräume besichtigt werden können.
Restaurierung des historischen Gebäudes
Das Neue Rathaus wurde über mehrere Jahre umfangreich saniert und restauriert.
Neben technischen Modernisierungen standen dabei insbesondere historische Innenräume und der Fassadenschmuck im Mittelpunkt. Unter denkmalpflegerischer Begleitung wurden unter anderem historische Wandgestaltungen, Teile der Skulpturenausstattung und weitere Elemente aus der Entstehungszeit restauriert.
Die umfangreiche Restaurierungsphase wurde 2026 abgeschlossen – 115 Jahre nach der Fertigstellung des Gebäudes.
Kannst du das Neue Rathaus besichtigen?
Das Neue Rathaus ist kein klassisches Museum und während des normalen Verwaltungsbetriebs nur eingeschränkt zugänglich.
Gelegentlich finden jedoch Führungen und Tage der offenen Tür statt. Dabei können Bereiche besichtigt werden, die normalerweise nicht öffentlich zugänglich sind. Dazu gehören je nach Veranstaltung beispielsweise das historische Treppenhaus, der große Sitzungssaal oder der Paternoster.
Auch ohne Besichtigung lohnt sich ein Blick auf die Außenfassade. Besonders das Hauptportal mit den Figuren von Rabbi Löw und dem Eisernen Ritter solltest du dir etwas genauer ansehen.
Neues Rathaus und Marienplatz entdecken
Das Neue Rathaus liegt direkt am Marienplatz (Mariánské náměstí) und lässt sich gut mit mehreren Sehenswürdigkeiten der unmittelbaren Umgebung verbinden.
Gegenüber befindet sich die Stadtbibliothek Prag (Městská knihovna v Praze). Direkt neben dem Platz liegen außerdem der Clam-Gallas-Palast (Clam-Gallasův palác) und das weitläufige Klementinum.
Auch der Altstädter Ring ist nur wenige Gehminuten entfernt.
Der Marienplatz eignet sich deshalb gut als Zwischenstation bei einem Rundgang durch die Prager Altstadt – vor allem dann, wenn du neben den bekannten mittelalterlichen Sehenswürdigkeiten auch die Architektur des frühen 20. Jahrhunderts kennenlernen möchtest.
Nicht mit dem Neustädter Rathaus verwechseln
Der deutsche Name kann leicht für Verwirrung sorgen.
Das Neue Rathaus (Nová radnice) befindet sich am Marienplatz in der Altstadt und dient heute als Sitz der Prager Stadtverwaltung.
Davon zu unterscheiden ist das Neustädter Rathaus (Novoměstská radnice) am Karlsplatz. Dieses wesentlich ältere Gebäude stammt aus dem Mittelalter und gehörte ursprünglich zur Verwaltung der historischen Prager Neustadt.
Es handelt sich also um zwei vollständig unterschiedliche Bauwerke.
