Die Nusle-Brücke (Nuselský most) gehört zu den markantesten modernen Verkehrsbauwerken Prags. Auf fast einem halben Kilometer Länge überspannt sie das tief eingeschnittene Nusle-Tal und verbindet das Zentrum mit den südlich gelegenen Stadtteilen rund um Pankrác. Von außen wirkt die Konstruktion vergleichsweise schlicht: Ein langer Betonbalken zieht sich auf schlanken Pfeilern über das Tal. Doch im Inneren verbirgt sich eine Besonderheit, die du der Brücke auf den ersten Blick kaum ansiehst. Durch den Hohlraum des Brückenkörpers fährt die Metrolinie C. Damit ist die Nusle-Brücke gleichzeitig Straßenbrücke, Fußgängerverbindung und Teil des Prager Metronetzes.

Eine Brücke über das Nusle-Tal
Das Nusle-Tal stellte für die Entwicklung Prags lange eine natürliche Barriere dar. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden deshalb Überlegungen, das Tal mit einer großen Brücke zu überspannen.
Ein erster bekannter Entwurf stammt aus dem Jahr 1903. In den folgenden Jahrzehnten beschäftigten sich Architekten und Ingenieure immer wieder mit möglichen Lösungen. Wettbewerbe und Planungsverfahren fanden unter anderem in den Jahren 1927, 1931, 1939 sowie zwischen 1958 und 1960 statt.
Es dauerte damit mehr als ein halbes Jahrhundert, bis aus den verschiedenen Ideen tatsächlich die heutige Nusle-Brücke entstand.
Bau der Nusle-Brücke
Die konkrete Umsetzung begann in den 1960er-Jahren. Der ausgeführte Entwurf entwickelte sich aus einem Wettbewerbsbeitrag von Jan Vítek, Miroslav Sůra und Robert Bucháček. An der endgültigen Planung waren unter anderem Vojtěch Michálek, Svatopluk Kobr und der Architekt Stanislav Hubička beteiligt.
Für den Bau mussten Teile der vorhandenen Bebauung im Nusle-Tal weichen. Insgesamt wurden mehrere Gebäude abgerissen, um Platz für die neue Verkehrsachse zu schaffen.
Die Brücke besteht aus vorgespanntem Stahlbeton und wird von vier großen Pfeilern getragen. Ihr Brückenkörper wurde abschnittsweise über das Tal vorgeschoben beziehungsweise im Freivorbau errichtet.
Mit einer Länge von rund 485 Metern und einer Höhe von bis zu etwa 42 Metern gehört sie bis heute zu den beeindruckendsten Ingenieurbauten der tschechischen Hauptstadt.
Belastungsprobe mit 66 Panzern
Bevor die Brücke für den Verkehr freigegeben werden konnte, musste ihre Konstruktion umfangreichen Belastungstests standhalten.
Besonders bekannt wurde die Belastungsprobe im November 1970. Dabei wurden 66 Panzer auf der Brücke aufgestellt. Zusätzlich kamen Tausende Tonnen Sand zum Einsatz, um die Belastung durch den späteren Straßenverkehr zu simulieren.
Neben statischen Tests wurden auch dynamische Belastungsversuche durchgeführt.
Die Bilder der dicht nebeneinander aufgereihten Panzer gehören heute zu den bekanntesten Aufnahmen aus der Baugeschichte der Nusle-Brücke.
Eine Metro fährt durch die Brücke
Eine der größten Besonderheiten der Nusle-Brücke befindet sich nicht auf, sondern in der Brücke.
Der massive Betonbalken ist innen hohl. Durch diesen Hohlraum führt heute die Strecke der Metrolinie C zwischen den Stationen I. P. Pavlova und Vyšehrad.
Ursprünglich war hier allerdings keine klassische Metro vorgesehen. Frühere Planungen gingen davon aus, eine unterirdisch beziehungsweise unterpflasterartig geführte Straßenbahn durch die Brücke verkehren zu lassen.
1967 fiel schließlich die Entscheidung, in Prag ein eigenständiges Metrosystem aufzubauen. Die Konstruktion der Nusle-Brücke musste daraufhin an die neuen Anforderungen angepasst werden.
Wenn du heute mit der Linie C über das Nusle-Tal fährst, befindest du dich deshalb für einige Sekunden nicht in einem gewöhnlichen unterirdischen Tunnel, sondern mitten im Brückenkörper.
Eröffnung der Nusle-Brücke
Am 22. Februar 1973 wurde die Nusle-Brücke für den Straßenverkehr eröffnet.
Die Metro folgte wenig später. Ende 1973 fanden erste Testfahrten statt. Am 9. Mai 1974 begann schließlich der reguläre Betrieb der ersten Prager Metrolinie C.
Direkt am südlichen Ende der Brücke liegt die heutige Metrostation Vyšehrad. Sie trug ursprünglich den Namen Gottwaldova.
Auch die Brücke selbst war während der kommunistischen Zeit nach dem früheren tschechoslowakischen Präsidenten Klement Gottwald benannt. Nach der politischen Wende erhielt sie ihren heutigen Namen Nuselský most.
Architektur der Nusle-Brücke
Trotz ihrer enormen Größe wirkt die Nusle-Brücke vergleichsweise zurückhaltend.
Der nahezu horizontale Brückenkörper ruht auf wenigen schlanken Pfeilern. Dadurch bleibt das Nusle-Tal optisch weitgehend offen. Vor allem aus dem darunterliegenden Folimanka-Park kannst du die Dimensionen der Konstruktion gut erkennen.
Die Gestaltung ist typisch für die ambitionierte tschechoslowakische Ingenieurarchitektur der Nachkriegszeit. Funktion und Konstruktion stehen deutlich im Vordergrund, gleichzeitig wurde versucht, die massive Verkehrsanlage möglichst klar in das Stadtbild einzufügen.
Im Jahr 2000 wurde die Nusle-Brücke in der Kategorie Verkehrsbauten als eines der tschechischen „Bauwerke des Jahrhunderts“ ausgezeichnet.
Eine der wichtigsten Verkehrsachsen Prags
Heute führt über die Brücke ein zentraler Abschnitt der Nord-Süd-Magistrale durch Prag.
Auf mehreren Fahrspuren passieren täglich große Mengen Straßenverkehr das Nusle-Tal. Gleichzeitig fahren unter der Fahrbahn die Züge der Metrolinie C zwischen dem Zentrum und den südlichen Stadtteilen.
Auf beiden Seiten der Brücke befinden sich außerdem Gehwege.
Damit übernimmt die Nusle-Brücke gleich mehrere Aufgaben und gehört zu den wichtigsten Verkehrsverbindungen der Stadt.
Ein schwieriges Kapitel ihrer Geschichte
Die große Höhe der Brücke brachte auch eine tragische Seite mit sich. Seit ihrer Eröffnung kam es hier zu zahlreichen Suiziden.
Die ursprünglichen Geländer wurden deshalb im Laufe der Zeit mehrfach erhöht und durch zusätzliche Schutzkonstruktionen ergänzt. Seit 2007 erschweren weitere Stahl- und transparente Barrieren den Zugang zur Brückenkante.
Im Folimanka-Park unterhalb der Brücke erinnert das Kunstwerk Of One’s Own Volition – Memento Mori des tschechischen Künstlers Krištof Kintera an die Menschen, die hier ihr Leben verloren.
Folimanka-Park unter der Brücke
Eine ganz andere Perspektive auf das Bauwerk bekommst du im Folimanka-Park.
Während du die Nusle-Brücke von oben vor allem als breite Verkehrsstraße wahrnimmst, zeigt sich von unten ihre eigentliche Größe. Die gewaltigen Betonpfeiler steigen direkt aus dem Tal auf, während sich der Brückenkörper rund 40 Meter über dem Park erstreckt.
Der Park ist gleichzeitig eine ruhige Grünanlage zwischen Nusle und Vinohrady. Unter und rund um die Brücke befinden sich heute außerdem Sport- und Freizeitflächen.
Nusle-Brücke von Vyšehrad aus entdecken
Besonders einfach erreichst du die Brücke mit der Metrolinie C über die Station Vyšehrad.
Die Station liegt unmittelbar am südlichen Ende des Bauwerks. Rund um die Station befinden sich mehrere erhöhte Flächen und Terrassen, von denen du auf das Nusle-Tal und Teile der Prager Innenstadt blicken kannst.
Wenn du die Dimensionen der Brücke vollständig erleben möchtest, lohnt sich zusätzlich ein Spaziergang hinunter in den Folimanka-Park. Erst von dort wird deutlich, wie hoch die Nusle-Brücke tatsächlich über dem Tal verläuft.















Quellen:
- https://www.nuselskymost.cz/
- https://prague.eu/de/objevujte/nusle-bridge/
- https://prague.eu/cs/architektura-1958-89-nuselsky-most/
- https://encyklopedie.praha2.cz/stavba/686-nuselsky-most
- https://www.dpp.cz/data/leaflets/documents/2023-02-27-11-51-27_DP-kontakt-2-2023.pdf
- https://encyklopedie.praha2.cz/plastika/417-ones-own-volition-memento-mori