Kleinseitner Ring (Malostranské náměstí)

Der Kleinseitner Ring (Malostranské náměstí) bildet das historische Zentrum der Kleinseite (Malá Strana). Der von barocken Palästen, Bürgerhäusern und Kirchen geprägte Platz liegt unmittelbar unterhalb der Prager Burg und gehört zu den wichtigsten Stationen auf dem traditionellen Königsweg durch Prag. Viele Besucher überqueren den Platz auf dem Weg von der Karlsbrücke (Karlův most) zur Prager Burg. Dabei lohnt es sich, nicht nur hindurchzugehen, sondern die unterschiedlichen Fassaden, Denkmäler und historischen Gebäude genauer anzusehen. Rund um den Kleinseitner Ring zeigt sich besonders deutlich, wie eng in Prag Geschichte, Architektur, Politik, Kultur und alltägliches Stadtleben miteinander verbunden sind.

St.-Nikolaus-Kirche mit Kuppel und Glockenturm über dem Kleinseitner Ring in Prag
Die St.-Nikolaus-Kirche erhebt sich über dem Kleinseitner Ring (Malostranské náměstí) in Prag.

Das Zentrum der historischen Kleinseite

Die Kleinseite wurde im Jahr 1257 unter König Přemysl Ottokar II. als eigenständige Stadt unterhalb der Prager Burg gegründet. Der Kleinseitner Ring entwickelte sich zum wirtschaftlichen und politischen Mittelpunkt der neuen Stadt. Hier fanden Märkte statt, hier versammelten sich die Einwohner und hier befand sich die städtische Verwaltung.

Bis zur Vereinigung der vier Prager Städte im Jahr 1784 blieb die Kleinseite rechtlich selbstständig. Das ehemalige Rathaus am Platz erinnert bis heute an diese Zeit. Gleichzeitig zeigen archäologische Funde, dass das Gebiet bereits lange vor der offiziellen Stadtgründung besiedelt war.

Das heutige Erscheinungsbild entstand vor allem nach dem großen Brand von 1541, der weite Teile der Kleinseite zerstörte. Zahlreiche ursprünglich mittelalterliche Gebäude wurden anschließend im Stil der Renaissance und später des Barocks erneuert. Wohlhabende Adelsfamilien ließen rund um den Platz repräsentative Stadtpaläste errichten, da die Nähe zur Prager Burg gesellschaftliches Ansehen versprach.

Zwei Platzbereiche rund um die Nikolauskirche

Der Kleinseitner Ring besteht aus einem oberen und einem unteren Bereich. Geteilt wird er durch den großen Gebäudekomplex der St.-Nikolaus-Kirche auf der Kleinseite (Kostel svatého Mikuláše) und des ehemaligen Jesuitenkollegs.

Der untere Teil öffnet sich in Richtung Brückengasse (Mostecká) und damit zur Karlsbrücke. Hier bestimmen Straßenbahnen, Geschäfte, Cafés und historische Bürgerhäuser das Bild. Der obere Platzbereich führt zur Neruda-Straße (Nerudova) und weiter hinauf zur Prager Burg. Er wirkt ruhiger und wird stärker von Adelspalästen, der Dreifaltigkeitssäule und dem Blick auf die umliegenden Dächer geprägt.

Diese Aufteilung macht den Kleinseitner Ring ungewöhnlich. Er ist kein einheitlicher Platz mit einer offenen Mitte, sondern ein Ensemble aus mehreren räumlich miteinander verbundenen Bereichen.

St.-Nikolaus-Kirche auf der Kleinseite

Die wichtigste architektonische Dominante des Platzes ist die St.-Nikolaus-Kirche auf der Kleinseite. Mit ihrer mächtigen Kuppel, dem reich gestalteten Innenraum und der markanten Lage gehört sie zu den bedeutendsten Barockkirchen Prags.

An dieser Stelle befand sich bereits im Mittelalter eine gotische Kirche. Nach der Ankunft der Jesuiten entstand ab dem späten 17. Jahrhundert ein neuer monumentaler Kirchenbau. An der Planung und Ausführung waren mehrere bedeutende Vertreter der Architektenfamilie Dientzenhofer beteiligt.

Im Inneren erwarten dich aufwendige Deckenfresken, Marmorverkleidungen, vergoldete Figuren und eine große historische Orgel. Die Kirche wird neben Gottesdiensten regelmäßig für klassische Konzerte genutzt.

Die Kirche darf nicht mit der ebenfalls dem heiligen Nikolaus geweihten St.-Nikolaus-Kirche am Altstädter Ring verwechselt werden. Beide Kirchen liegen am historischen Königsweg, befinden sich jedoch auf unterschiedlichen Seiten der Moldau.

Nikolauskirche in der Kleinseite mit grüner Kuppel und Kirchturm in Prag
Nikolauskirche in der Kleinseite

Aussicht vom Kleinseitner Glockenturm

Direkt neben der Kirche erhebt sich der Kleinseitner Glockenturm des Heiligen Nikolaus (Svatomikulášská městská zvonice). Obwohl der Turm optisch zur Kirche gehört, wurde er von der Stadt errichtet und verwaltet.

Früher diente er unter anderem als Feuerwache. Turmwächter beobachteten von oben die Dächer der Kleinseite und sollten Brände möglichst früh entdecken. Später wurde der Turm auch zu Überwachungszwecken genutzt.

Über eine lange Treppe gelangst du zu einem Aussichtsumgang in etwa 65 Metern Höhe. Von dort hast du einen weiten Blick über die Dächer der Kleinseite, zur Prager Burg, auf die Nikolauskirche und in Richtung Altstadt.

Dreifaltigkeitssäule als Erinnerung an die Pest

Im oberen Bereich des Kleinseitner Rings steht die barocke Dreifaltigkeitssäule (Sloup Nejsvětější Trojice). Sie wurde zu Beginn des 18. Jahrhunderts als Dank für das Ende einer Pestepidemie errichtet.

Der reich verzierte Aufbau besteht aus mehreren Heiligenfiguren, Engeln und religiösen Symbolen. Vergoldete Elemente setzen auffällige Akzente zwischen den hellen Fassaden der umliegenden Gebäude. Später wurde die Anlage um weitere Figuren ergänzt, die an eine schwere Hungersnot erinnern.

Die Säule gehört zu den markantesten Kleindenkmälern der Kleinseite und bietet zusammen mit der Kuppel der Nikolauskirche ein besonders charakteristisches Prager Stadtmotiv.

Adelspaläste rund um den Platz

Die Bedeutung des Kleinseitner Rings zeigt sich besonders an den zahlreichen historischen Palästen. Direkt gegenüber der Nikolauskirche steht das Liechtenstein-Palais (Lichtenštejnský palác). Der große Gebäudekomplex entstand durch die Zusammenlegung mehrerer älterer Häuser.

Heute wird das Palais von der Musik- und Tanzfakultät der Akademie der musischen Künste in Prag genutzt. Gemeinsam mit dem benachbarten Hartig-Palais (Hartigovský palác) bildet es einen wichtigen Ort für musikalische Ausbildung und kulturelle Veranstaltungen.

Zu den weiteren bedeutenden Bauwerken gehört das Kaiserstein-Palais (Kaiserštejnský palác). Hinter seiner barocken Fassade verbergen sich ältere Gebäudeteile. Das Palais wird heute vor allem für gesellschaftliche und kulturelle Veranstaltungen genutzt.

Am unteren Platzbereich fällt das spätbarocke Grömling-Palais (Grömlingovský palác) auf. Seine elegante Fassade gehört zu den schönsten Beispielen der Rokokoarchitektur auf der Kleinseite.

Mehrere weitere Paläste rund um den Platz werden vom tschechischen Abgeordnetenhaus genutzt. Dazu zählen das Smiřický-Palais (Smiřický palác) und das Sternberg-Palais (Šternberský palác). Durch diese Gebäude ist der Kleinseitner Ring bis heute eng mit dem politischen Leben Tschechiens verbunden.

Das ehemalige Kleinseitner Rathaus

An der Ostseite des Platzes steht die Malostranská beseda, das ehemalige Rathaus der Kleinseite. Das Renaissancegebäude war über Jahrhunderte der Sitz der städtischen Verwaltung.

Nach der Vereinigung der Prager Städte verlor es seine ursprüngliche Funktion. Heute beherbergt das Gebäude ein Kulturzentrum mit Veranstaltungssälen, Gastronomie und einem Musikclub. Besonders auffällig sind die rekonstruierten Türme auf dem Dach, die dem ehemaligen Rathaus sein historisches Erscheinungsbild zurückgegeben haben.

Die Malostranská beseda verdeutlicht, dass der Kleinseitner Ring nicht nur ein repräsentativer Platz des Adels war, sondern auch das bürgerliche und politische Zentrum der früher selbstständigen Stadt.

Zwischen Karlsbrücke und Prager Burg

Der Kleinseitner Ring gehört zum historischen Königsweg, auf dem die böhmischen Herrscher zur Krönung in den Veitsdom zogen. Von der Karlsbrücke führt die Route durch die Brückengasse auf den Platz und anschließend über die Neruda-Straße zur Prager Burg.

Dadurch verbindet der Platz einige der wichtigsten Sehenswürdigkeiten Prags. In wenigen Minuten erreichst du die Karlsbrücke, die Kampa-Insel, die Kirche Maria vom Siege mit dem Prager Jesuskind, den Waldsteinplatz oder die Neruda-Straße.

Gerade diese Lage führt dazu, dass der Platz tagsüber stark frequentiert sein kann. Am frühen Morgen wirkt die Umgebung deutlich ruhiger, während am späten Nachmittag das Licht besonders schön auf die Fassaden und die Kuppel der Nikolauskirche fällt.

Straßenbahnen und städtisches Leben

Trotz seiner historischen Architektur ist der Kleinseitner Ring kein reines Freilichtmuseum. Straßenbahnen fahren mitten über den Platz, Menschen wechseln zwischen den Haltestellen und in den Erdgeschossen befinden sich Restaurants, Cafés, Geschäfte und kulturelle Einrichtungen.

Die Straßenbahnen gehören inzwischen selbst zum charakteristischen Bild des Platzes. Besonders die Kombination aus historischen Fassaden, Schienen, roten Straßenbahnwagen und der grünen Kuppel der Nikolauskirche zählt zu den klassischen Fotomotiven der Kleinseite.

Beim Überqueren der Gleise solltest du dennoch aufmerksam bleiben. Straßenbahnen können sich aus verschiedenen Richtungen nähern, während sich gleichzeitig viele Fußgänger auf dem Platz bewegen.

Anreise zum Kleinseitner Ring

Direkt am Platz befindet sich die Straßenbahnhaltestelle Malostranské náměstí. Dadurch lässt sich der Kleinseitner Ring bequem aus verschiedenen Teilen Prags erreichen.

Die nächstgelegene Metrostation ist Malostranská an der Metrolinie A. Von dort kannst du entweder zu Fuß durch die Kleinseite gehen oder für eine kurze Strecke in die Straßenbahn umsteigen.

Von der Altstadt erreichst du den Platz besonders eindrucksvoll zu Fuß über die Karlsbrücke und die Brückengasse. Kommst du von der Prager Burg, führt der Weg über die Neruda-Straße hinunter zum oberen Teil des Platzes.

Das historische Kopfsteinpflaster, die Straßenbahngleise und leichte Steigungen können mit Kinderwagen, Rollstuhl oder bei eingeschränkter Mobilität stellenweise unbequem sein. Besonders im oberen Platzbereich ist der Untergrund nicht überall eben.

Ausgangspunkt für einen Rundgang durch die Kleinseite

Der Kleinseitner Ring eignet sich hervorragend als Ausgangspunkt für einen Rundgang durch die Kleinseite. Du kannst zunächst die Nikolauskirche und den Glockenturm besuchen, anschließend die Paläste rund um den Platz betrachten und danach durch die Neruda-Straße zur Prager Burg hinaufgehen.

Alternativ führt der Weg durch die Brückengasse zur Karlsbrücke oder durch die südlichen Gassen zur Kampa-Insel und zur Kirche Maria vom Siege. Auch der Waldstein-Garten (Valdštejnská zahrada) und der Waldsteinpalast (Valdštejnský palác) liegen nur wenige Gehminuten entfernt.

Wer sich etwas Zeit nimmt, entdeckt am Kleinseitner Ring nicht nur eine wichtige Durchgangsstation, sondern das historische Herz eines der schönsten und geschichtsträchtigsten Stadtviertel Prags.