Direkt am Hradschiner Platz (Hradčanské náměstí), unmittelbar vor der Prager Burg (Pražský hrad), erhebt sich das Palais Schwarzenberg (Schwarzenberský palác). Mit seinen hohen Renaissancegiebeln, dem mächtigen Dach und der beinahe vollständig verzierten Fassade gehört es zu den auffälligsten Adelspalästen Prags. Das Gebäude ist jedoch nicht nur von außen sehenswert: Im Inneren erwarten dich historische Räume, bemalte Renaissance-Decken und eine bedeutende Kunstsammlung der Nationalgalerie Prag (Národní galerie Praha).
Adresse:
Hradčanské náměstí 2, 118 00 Prag 1

Ein Renaissancepalais vor der Prager Burg
Das Palais Schwarzenberg entstand im 16. Jahrhundert auf einem Grundstück, das beim großen Brand auf dem Hradschin im Jahr 1541 schwer beschädigt worden war. Mehrere mittelalterliche Häuser, die zuvor an dieser Stelle standen, wurden zerstört oder mussten später abgetragen werden.
Jan IV. Popel von Lobkowicz erwarb die Grundstücke und ließ hier ab 1545 eine großzügige Residenz errichten. Als Baumeister gilt der aus Italien stammende Agostino Galli, der in Böhmen auch unter dem Namen Augustin Vlach bekannt war. Der Hauptbau wurde 1567 vollendet.
Das Palais entstand in einer Zeit, in der wohlhabende Adelsfamilien ihre Wohnsitze in der Umgebung der Prager Burg modernisieren und nach italienischen Vorbildern gestalten ließen. Die Architektur verbindet Einflüsse der norditalienischen Renaissance mit böhmischen Bautraditionen. Dadurch wirkt das Gebäude gleichzeitig repräsentativ, elegant und beinahe wehrhaft.

Die außergewöhnliche Sgraffito-Fassade
Das auffälligste Merkmal des Palais Schwarzenberg ist seine schwarz-weiße Sgraffito-Fassade. Fast die gesamte Außenfläche ist mit geometrischen Mustern bedeckt, die aus der Entfernung wie plastische Steinquader wirken.
Tatsächlich bestehen die vermeintlichen Steine nicht aus einzelnen Blöcken. Bei der Sgraffito-Technik werden mehrere unterschiedlich gefärbte Putzschichten aufgetragen. Anschließend wird die obere Schicht teilweise abgekratzt, sodass die darunterliegende Farbe sichtbar wird. Auf diese Weise entstehen kontrastreiche Muster, Figuren und architektonische Formen.
Am Palais Schwarzenberg imitieren die Sgraffiti vor allem sogenannte Diamantquader. Ihre schrägen Flächen erzeugen eine starke räumliche Wirkung, obwohl die Fassade weitgehend eben ist. Erst aus der Nähe lässt sich erkennen, dass es sich um eine kunstvolle Illusion handelt.
Die dekorierte Fläche erstreckt sich über mehrere Tausend Quadratmeter. Damit besitzt das Palais eine der umfangreichsten Renaissance-Sgraffito-Fassaden in Prag.

Hohe Giebel und ein geschlossener Ehrenhof
Neben der Fassadengestaltung prägen vor allem die hohen Renaissancegiebel das Erscheinungsbild des Palais. Sie verleihen dem Gebäude eine markante Silhouette, die bereits von verschiedenen Punkten rund um den Hradschin zu erkennen ist.
Der Grundriss des Palais ähnelt ungefähr dem Buchstaben T. Zur Seite des Hradschiner Platzes öffnet sich ein Ehrenhof, der durch eine verzierte Mauer und ein Gittertor vom öffentlichen Raum getrennt ist. Diese Anlage unterstreicht den repräsentativen Charakter des ehemaligen Adelssitzes.
Auch das weit vorspringende Dachgesims und die kräftigen Mauern tragen dazu bei, dass das Palais beinahe wie eine kleine Festung wirkt. Gleichzeitig sorgen die filigranen Sgraffiti und die gegliederten Giebel für eine ausgesprochen dekorative Wirkung.
Restaurierungen und Veränderungen
Obwohl die Fassade auf die Renaissancezeit zurückgeht, ist nicht jedes heute sichtbare Detail unverändert aus dem 16. Jahrhundert erhalten. Das Palais wurde im Laufe seiner Geschichte mehrfach umgebaut und restauriert.
Besonders einschneidend war der Einsturz des westlichen Hauptgiebels im Jahr 1870. Bei der anschließenden Wiederherstellung wurden beschädigte Fassadenteile rekonstruiert und fehlende Sgraffiti ergänzt. Teilweise entstanden dabei neue Muster, die sich an den erhaltenen Renaissancevorbildern orientierten.
Weitere Restaurierungen folgten im 20. Jahrhundert. Dabei konnten historische Vorlagen und ältere Fragmente berücksichtigt werden. Das heutige Erscheinungsbild ist daher das Ergebnis einer langen Bau- und Restaurierungsgeschichte.
Die Familie Schwarzenberg
Das Palais gehörte ursprünglich der Familie Lobkowicz. Nachdem Jiří Popel von Lobkowicz bei Kaiser Rudolf II. in Ungnade gefallen war, wurde sein Besitz eingezogen. In den folgenden Jahrzehnten wechselte die Residenz mehrfach den Eigentümer.
Zu den späteren Besitzern gehörten unter anderem Peter Wok von Rosenberg sowie die Familien Schwanberg und Eggenberg. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts gelangte das Gebäude durch Erbschaft an die Familie Schwarzenberg, nach der es bis heute benannt ist.
Die Schwarzenberger zählten zu den bedeutendsten Adelsfamilien der Habsburgermonarchie. Sie besaßen zahlreiche Schlösser, Ländereien und Stadtpaläste in Böhmen und anderen Teilen Mitteleuropas.
Im 18. Jahrhundert wurden Teile der Innenräume nach Plänen von Antonio Erhard Martinelli verändert. Trotz dieser Umbauten blieb der grundlegende Renaissancecharakter des Gebäudes erhalten.
Bemalte Renaissance-Decken
Nicht nur die Fassade, sondern auch die Innenräume des Palais besitzen einen hohen kunsthistorischen Wert. Besonders sehenswert sind die bemalten hölzernen Tafeldecken in mehreren Sälen des zweiten Obergeschosses.
Die Decken entstanden vermutlich um 1580 und zeigen Szenen aus der antiken Mythologie und Geschichte. Zu den dargestellten Themen gehören das Urteil des Paris, die Entführung der Sabinerinnen, die Eroberung Trojas und die Flucht des Aeneas aus der brennenden Stadt.
Weitere Motive stellen Phaeton, Jupiter und Juno sowie Proserpina und Chronos dar. Die Bilder sollten nicht nur dekorativ wirken, sondern auch Bildung, Macht und kulturellen Anspruch der damaligen Bewohner ausdrücken.
Die bemalten Decken gehören zu den bedeutendsten erhaltenen Beispielen profaner Renaissance-Malerei in einem Prager Adelspalais.
Eine Sonnenuhr über den Dächern
Eine weniger bekannte Besonderheit des Palais ist eine historische Sonnenuhr an einem der Schornsteine. Neben der Uhr befinden sich ein Hahn als Symbol des Tages und eine Eule als Symbol der Nacht.
Unter der Sonnenuhr steht die lateinische Inschrift „Hora ruit“, die sinngemäß mit „Die Stunde eilt“ übersetzt werden kann. Die Sonnenuhr ist nicht vom Hradschiner Platz aus zu sehen, sondern lässt sich vor allem aus der Umgebung der Neruda-Straße (Nerudova) entdecken.
Das unscheinbare Detail erinnert daran, dass die Architektur des Palais nicht nur auf repräsentative Wirkung ausgerichtet war. Auch symbolische Hinweise auf Zeit, Vergänglichkeit und Bildung spielten bei der Gestaltung eine Rolle.
Vom Adelssitz zum Museum
Mit dem Bedeutungsverlust Prags als dauerhafte kaiserliche Residenz wurden viele große Adelspaläste nur noch zeitweise genutzt. Auch das Palais Schwarzenberg verlor nach und nach seine ursprüngliche Funktion als vornehmer Wohnsitz.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Gebäude dem damaligen Technischen Museum zur Verfügung gestellt. Ab 1909 waren hier technische und historische Sammlungen öffentlich zugänglich.
Während des Zweiten Weltkriegs richtete die Wehrmacht im Palais ein Militärmuseum ein. Nach Kriegsende ging das Gebäude in den Besitz des tschechoslowakischen Staates über. Ab 1947 nutzte es das Militärhistorische Museum für seine Ausstellungen.
Im Jahr 2002 wurde das Palais der Nationalgalerie Prag übergeben. Nach einer umfassenden Sanierung eröffnete es 2008 erneut als Kunstmuseum.
Alte Meister im Palais Schwarzenberg
Heute beherbergt das Palais Schwarzenberg die Ausstellung Alte Meister I der Nationalgalerie Prag. Sie widmet sich vor allem der europäischen Kunst vom 16. bis zum 18. Jahrhundert.
Zu sehen sind Gemälde und Skulpturen aus Renaissance und Barock. Die Ausstellung verbindet internationale Kunst mit Werken, die in Böhmen entstanden sind oder für Kirchen, Klöster und Adelssitze des Landes geschaffen wurden.
Vertreten sind unter anderem Künstler wie Albrecht Dürer, Lucas Cranach, Hans Holbein, El Greco, Peter Paul Rubens und Rembrandt. Einen besonderen Schwerpunkt bildet die böhmische Barockkunst mit Werken von Karel Škréta, Petr Brandl und dem Bildhauer Matthias Bernhard Braun.
Die Kunstwerke werden in historischen Sälen präsentiert, sodass die Architektur selbst Teil des Museumsbesuchs wird. Zwischen Gemälden, Skulpturen und bemalten Decken entsteht ein Eindruck davon, wie eng Kunst, Repräsentation und adelige Wohnkultur miteinander verbunden waren.
Verbindung zum Palais Sternberg
Nur wenige Schritte vom Palais Schwarzenberg entfernt befindet sich das Palais Sternberg (Šternberský palác). Dort setzt die Nationalgalerie ihre Sammlung unter dem Titel Alte Meister II fort.
Beide Palais können unabhängig voneinander besucht werden. Gemeinsam vermitteln sie jedoch einen besonders umfassenden Überblick über die europäische Kunst vom Mittelalter bis zum Barock.
Während das Palais Sternberg etwas zurückgesetzt hinter dem Erzbischöflichen Palais liegt, dominiert das Palais Schwarzenberg mit seiner breiten Fassade unmittelbar den Hradschiner Platz.
Lohnt sich der Besuch?
Das Palais Schwarzenberg lohnt sich sowohl für Kunstliebhaber als auch für Besucher, die sich für Architektur und Stadtgeschichte interessieren. Schon die Fassade gehört zu den bedeutendsten Beispielen der Renaissancearchitektur in Prag.
Im Inneren verbinden sich historische Räume, bemalte Decken, Gemälde und Skulpturen zu einem abwechslungsreichen Rundgang. Anders als in einem modernen Museumsbau ist die Architektur hier nicht nur Kulisse, sondern ein wesentlicher Bestandteil des Besuchserlebnisses.
Auch ohne Museumsbesuch solltest du dir Zeit nehmen, die Fassade vom Hradschiner Platz aus genauer zu betrachten. Je nach Abstand und Lichteinfall verändern die Sgraffiti ihre Wirkung. Aus der Ferne erscheinen sie beinahe dreidimensional, während sich aus der Nähe die feinen Linien und unterschiedlichen Putzschichten erkennen lassen.
Lage am Hradschiner Platz
Das Palais Schwarzenberg steht an der südlichen Seite des Hradschiner Platzes (Hradčanské náměstí). Der Haupteingang der Prager Burg liegt nur wenige Schritte entfernt.
Direkt neben dem Palais befindet sich das Palais Salm (Salmovský palác). In der Umgebung liegen außerdem das Palais Sternberg, das Erzbischöfliche Palais und mehrere historische Kanonikerhäuser.
Von der Terrasse am östlichen Ende des Platzes eröffnet sich zudem ein weiter Blick über die Dächer der Kleinseite und die Prager Innenstadt. Dadurch lässt sich der Museumsbesuch gut mit einem Rundgang durch das Burgviertel verbinden.