Das Prokop-Tal (Prokopské údolí) liegt im Südwesten Prags und erstreckt sich vor allem durch die Stadtteile Hlubočepy und Jinonice. Gemeinsam mit dem angrenzenden Dalej-Tal (Dalejské údolí) bildet es eine weitläufige Naturlandschaft aus Kalksteinfelsen, bewaldeten Hängen, offenen Steppenflächen, ehemaligen Steinbrüchen und tief eingeschnittenen Bachtälern. Obwohl das Gebiet vollständig innerhalb des Prager Stadtgebiets liegt, wirkt es an vielen Stellen überraschend wild und abgeschieden.
Geologisch gehört das Prokop-Tal zum nördlichsten Ausläufer des Böhmischen Karsts (Český kras). Seine Landschaft wurde über Jahrtausende durch den Prokop-Bach und den Dalej-Bach geformt. Besonders charakteristisch sind die steilen Felswände und freiliegenden Kalksteinschichten, die aus dem Silur und Devon stammen. An einigen Stellen treten außerdem vulkanische Gesteine an die Oberfläche. Diese Kombination macht das Tal zu einem der wissenschaftlich bedeutendsten geologischen Gebiete Prags.
In den aufgeschlossenen Gesteinsschichten wurden zahlreiche Fossilien früher Meereslebewesen gefunden. Der französische Ingenieur und Paläontologe Joachim Barrande untersuchte im 19. Jahrhundert die Gesteine und Fossilien des Prager Beckens besonders intensiv. Mehrere geologische Profile im Prokop-Tal dienen heute als regionale oder internationale Vergleichsstellen für die zeitliche Einordnung bestimmter Gesteinsschichten.
Die wertvollsten Bereiche stehen seit 1978 als Naturschutzgebiet Prokop-Tal (Přírodní rezervace Prokopské údolí) unter Schutz. Das eigentliche Naturschutzgebiet besitzt eine Fläche von rund 101,5 Hektar. Geschützt werden neben den geologischen und paläontologischen Fundstellen vor allem Kalkfelsen, Felssteppen, wärmeliebende Pflanzengesellschaften sowie Eichen- und Hainbuchenwälder. Das größere Wald- und Erholungsgebiet rund um das Tal umfasst knapp 194 Hektar.
Die offenen und trockenen Hänge bieten Lebensraum für zahlreiche wärmeliebende Pflanzen, Insekten, Reptilien und Vögel. Damit die wertvollen Steppenflächen nicht vollständig mit Büschen und Bäumen zuwachsen, werden einzelne Bereiche regelmäßig gemäht oder von Schafen und Ziegen beweidet. Diese Form der Landschaftspflege ahmt die frühere landwirtschaftliche Nutzung nach und hilft dabei, die charakteristische Fels- und Trockenrasenvegetation zu erhalten.
Der Mensch nutzt das Gebiet bereits seit vorgeschichtlicher Zeit. Archäologische Funde belegen, dass Höhlen im Prokop-Tal schon vor ungefähr 30.000 Jahren von steinzeitlichen Jägern als Unterschlupf genutzt wurden. Besonders bedeutend ist das oberhalb des Tals gelegene Butovice-Hügelkastell (Butovické hradiště). Die erste bekannte Besiedlung wird auf etwa 3000 vor Christus datiert. Später entstand hier eine größere slawische Befestigungsanlage, die vermutlich gegen Ende des 9. oder zu Beginn des 10. Jahrhunderts aufgegeben wurde. Von ihren Befestigungen ist heute noch ein Teil des Erdwalles erkennbar.
Seinen Namen verdankt das Tal dem heiligen Prokop. Einer Überlieferung zufolge soll der spätere Gründer des Klosters Sázava zeitweise als Einsiedler in einer Höhle oberhalb des Tals gelebt haben. Die sogenannte Prokop-Höhle wurde 1890 durch den Kalksteinabbau zerstört. Oberhalb der Höhle stand früher eine barocke, dem heiligen Prokop geweihte Kirche, die lange ein beliebtes Pilgerziel war. Das stark beschädigte Gotteshaus wurde 1966 abgerissen.
Besonders stark veränderte sich die Landschaft durch den Kalksteinabbau im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Mehrere Steinbrüche schnitten tief in die Felshänge ein und legten dabei die heute sichtbaren Gesteinsschichten frei. Nach dem Ende des Abbaus wurden einige Bereiche von der Natur zurückerobert. Das bekannteste Beispiel ist der kleine ehemalige Steinbruchsee Prokop-Teich (Prokopské jezírko), der von hohen Felswänden und dichtem Grün umgeben ist. Der See gehört heute zu den beliebtesten Fotomotiven im Tal, ist jedoch kein offiziell eingerichteter Badesee.
Ein weiteres Wahrzeichen des Gebiets ist die historische Eisenbahnstrecke, die hoch über dem Tal verläuft. Sie führt über zwei imposante Steinviadukte bei Hlubočepy, durch mehrere Einschnitte und entlang steiler Felshänge. Wegen ihrer anspruchsvollen Streckenführung wird sie häufig als Prager Semmering (Pražský Semmering) bezeichnet. Die denkmalgeschützten Viadukte erreichen eine Höhe von rund 20 Metern und bilden einen auffälligen Kontrast zur natürlichen Felsenlandschaft.
Durch den Talgrund verläuft ein überwiegend befestigter Hauptweg, der sich gut zum Spazieren, Laufen und Radfahren eignet. Von ihm zweigen kleinere Wald- und Höhenwege zu ehemaligen Steinbrüchen, Felsformationen, Aussichtspunkten und zum Butovice-Hügelkastell ab. Während die Hauptroute relativ bequem ist, können die Wege an den Hängen steil, steinig und bei Nässe rutschig sein. Festes Schuhwerk ist deshalb besonders für die Aussichtsrouten sinnvoll.
Entlang der Hauptwege befinden sich mehrere Rastplätze, Spielmöglichkeiten, Picknickbereiche und Informationstafeln. Naturlehrpfade erklären die geologische Entwicklung, die Pflanzen- und Tierwelt sowie die Geschichte des Kalksteinabbaus. Durch die Verbindung mit dem Dalej-Tal kannst du den Spaziergang zu einer längeren Wanderung in Richtung Řeporyje oder Holyně erweitern.
Für einen ersten Besuch eignet sich eine Strecke von Jinonice oder Nové Butovice durch das Tal bis nach Hlubočepy. Dabei wanderst du überwiegend leicht bergab und erreichst unterwegs Felswände, Waldabschnitte, den ehemaligen Steinbruchsee und die Eisenbahnviadukte. Für den reinen Weg durch den Talgrund solltest du etwa zwei Stunden einplanen. Mit Abstechern zu den Höhenwegen, Aussichtspunkten und archäologischen Fundstellen kannst du problemlos einen halben Tag im Gebiet verbringen.
Das Prokop-Tal (Prokopské údolí) ist ganzjährig und kostenlos zugänglich. Es besitzt keine festen Öffnungszeiten oder zentralen Eingang. Besonders gut erreichbar ist das Gebiet von den Metrostationen Jinonice und Nové Butovice sowie vom Bahnhof Praha-Hlubočepy. Da es sich teilweise um ein empfindliches Naturschutzgebiet handelt, solltest du die ausgewiesenen Wege nutzen, Pflanzen und Fossilien nicht mitnehmen und Hunde in Bereichen mit Weidetieren unter Kontrolle halten.
