Jan Neruda (1834–1891) gehört zu den bedeutendsten tschechischen Schriftstellern, Dichtern und Journalisten des 19. Jahrhunderts. Er wurde am 9. Juli 1834 in Prag geboren und verbrachte einen großen Teil seiner Kindheit und Jugend auf der Kleinseite (Malá Strana). Das Viertel unterhalb der Prager Burg prägte sein Leben und später auch sein literarisches Werk. Besonders eng war Neruda mit der heutigen Nerudova-Straße (Nerudova ulice) verbunden, die später nach ihm benannt wurde. Von 1845 bis 1857 lebte er mit seiner Familie im historischen Haus Zu den zwei Sonnen (U Dvou slunců) in der heutigen Nerudova 47.
Neruda studierte zunächst unter anderem Jura und Philosophie, entschied sich schließlich jedoch für Literatur und Journalismus. Als Journalist schrieb er für verschiedene Zeitungen und wurde besonders für seine Feuilletons bekannt. In diesen kurzen Texten kommentierte er Alltag, Gesellschaft, Politik und das Leben in Prag häufig mit genauer Beobachtung, Ironie und einem persönlichen Blickwinkel. Gleichzeitig gehörte er zu den wichtigen Vertretern der sogenannten Májovci, einer jungen Generation tschechischer Schriftsteller, die ab der Mitte des 19. Jahrhunderts eine modernere und stärker am europäischen Literaturgeschehen orientierte tschechische Literatur entwickeln wollte.
Sein bekanntestes Prosawerk sind die Kleinseitner Geschichten (Povídky malostranské) von 1878. Darin beschreibt Neruda das Leben der Bewohner der Prager Kleinseite mit ihren Eigenheiten, Konflikten, kleinen Dramen und alltäglichen Begegnungen. Viele Eindrücke stammten aus seiner eigenen Jugend. Dadurch vermitteln die Geschichten bis heute ein lebendiges Bild des Prager Stadtlebens im 19. Jahrhundert. Neben seiner Prosa veröffentlichte Neruda mehrere Gedichtbände, darunter Friedhofsblumen (Hřbitovní kvítí), Kosmische Lieder (Písně kosmické) sowie Balladen und Romanzen (Balady a romance).
Für Prag-Besucher ist Jan Neruda vor allem auf der Kleinseite bis heute präsent. Die Nerudova-Straße gehört zu den bekanntesten historischen Straßen der Stadt und führt vom Kleinseitner Ring hinauf in Richtung Prager Burg. Am ehemaligen Wohnhaus Zu den zwei Sonnen erinnert eine Gedenktafel an den Schriftsteller. Auch im Seminargarten (Seminářská zahrada) am Petřín steht ein Denkmal für ihn. Jan Neruda starb am 22. August 1891 in Prag. Sein Werk gehört bis heute zu den Klassikern der tschechischen Literatur und ist zugleich ein besonderes literarisches Zeugnis des alten Prag.
