Das Nationaltheater (Národní divadlo) gehört zu den bedeutendsten Kulturdenkmälern Prags. Direkt am Moldauufer gelegen, fällt das monumentale Gebäude mit seiner reich verzierten Fassade und dem goldenen Dach schon von weitem ins Auge. Doch hinter der prachtvollen Architektur steckt weit mehr als ein historisches Theater: Das Nationaltheater wurde im 19. Jahrhundert zu einem wichtigen Symbol der tschechischen Kultur und des nationalen Selbstverständnisses. Heute finden hier Opern, Theateraufführungen und Ballett statt. Du kannst das historische Gebäude aber auch unabhängig von einer Vorstellung im Rahmen einer Führung kennenlernen.

Das Nationaltheater als Symbol der tschechischen Kultur
Die Geschichte des Nationaltheaters ist eng mit der tschechischen Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts verbunden. In einer Zeit, in der Böhmen Teil der Habsburgermonarchie war, entstand der Wunsch nach einer repräsentativen Bühne für tschechische Sprache, Musik und Kultur.
Bereits in den 1840er-Jahren wurde die Idee eines eigenen Nationaltheaters diskutiert. Einer der wichtigsten Befürworter war der Historiker und Politiker František Palacký.
Besonders ungewöhnlich war die Finanzierung des Projekts. Ein großer Teil des benötigten Geldes wurde durch öffentliche Sammlungen zusammengetragen. Bürger, Gemeinden, Künstler, Unternehmen und Angehörige des Adels beteiligten sich an den Spenden.
Diese gemeinsame Anstrengung prägt die symbolische Bedeutung des Hauses bis heute.
Im Zuschauerraum befindet sich deshalb der berühmte Schriftzug „Národ sobě“. Sinngemäß lässt er sich mit „Die Nation sich selbst“ übersetzen und erinnert daran, dass sich die tschechische Bevölkerung ihr Nationaltheater zu einem großen Teil selbst finanzierte.
Vom Provisorischen Theater zum großen Nationaltheater
Bevor das heutige Nationaltheater entstand, wurde zunächst das Provisorische Theater (Prozatímní divadlo) errichtet. Es öffnete 1862 und sollte als Übergangslösung dienen, bis das geplante repräsentative Nationaltheater fertiggestellt war.
Teile des Provisorischen Theaters wurden später in den größeren Gebäudekomplex integriert.
Mit der Planung des eigentlichen Nationaltheaters wurde der tschechische Architekt Josef Zítek beauftragt. Er entwarf ein monumentales Gebäude im Stil der Neorenaissance, das sich stark an der italienischen Renaissance orientierte.
Die Bauarbeiten begannen in der zweiten Hälfte der 1860er-Jahre.
Die Grundsteinlegung von 1868
Zu einem der wichtigsten Ereignisse in der Entstehungsgeschichte wurde die feierliche Grundsteinlegung am 16. Mai 1868.
Dabei wurde nicht nur ein einzelner Stein verwendet. Insgesamt wurden zahlreiche Steine aus verschiedenen historisch und symbolisch bedeutenden Regionen Böhmens und Mährens nach Prag gebracht.
Sie stammten unter anderem aus der Umgebung des sagenumwobenen Berges Říp, vom Blaník, vom Radhošť, aus dem Böhmerwald und vom Vyšehrad.
Die Zeremonie entwickelte sich zu einer großen öffentlichen Veranstaltung und unterstrich den nationalen Charakter des Bauprojekts.
Einige dieser historischen Grundsteine befinden sich noch heute im Untergeschoss des Nationaltheaters und können bei bestimmten Führungen besichtigt werden.
Die erste Eröffnung im Jahr 1881
Am 11. Juni 1881 wurde das Nationaltheater erstmals feierlich eröffnet.
Aufgeführt wurde die Oper Libuše von Bedřich Smetana. Das Werk erzählt eine auf tschechischen Legenden basierende Geschichte über die Fürstin Libuše und die mythischen Ursprünge Böhmens.
Damit eignete sich die Oper besonders gut für die Eröffnung eines Hauses, das als nationales Kultursymbol gedacht war.
Die erste Spielzeit sollte jedoch nur sehr kurz dauern.
Nach einigen Aufführungen wurde das Gebäude erneut geschlossen, damit noch ausstehende Bauarbeiten abgeschlossen werden konnten.
Der Brand des Nationaltheaters
Nur wenige Wochen nach der ersten Eröffnung ereignete sich eine der bekanntesten Katastrophen der Prager Kulturgeschichte.
Am 12. August 1881 brach während der Bauarbeiten ein schwerer Brand aus.
Dabei wurden unter anderem Teile des Daches, der Zuschauerraum und die Bühne zerstört. Das Feuer wurde in den böhmischen Ländern als nationale Katastrophe wahrgenommen.
Die Reaktion war entsprechend groß.
Unmittelbar nach dem Brand begann eine neue Spendensammlung. Innerhalb von nur 47 Tagen kam rund eine Million Gulden für den Wiederaufbau zusammen.
Damit wurde der Brand letztlich zu einem weiteren Teil der nationalen Erzählung rund um das Gebäude: Das Theater war nicht nur gemeinsam finanziert worden, sondern wurde nach seiner Zerstörung erneut durch eine breite gesellschaftliche Unterstützung wiederaufgebaut.
Wiederaufbau und zweite Eröffnung
Nach dem Brand übernahm der Architekt Josef Schulz die Leitung des Wiederaufbaus.
Er beschränkte sich nicht darauf, die zerstörten Teile des Gebäudes zu rekonstruieren. Gleichzeitig wurden verschiedene Gebäudeteile miteinander verbunden und technische sowie funktionale Verbesserungen vorgenommen.
Trotz dieser Veränderungen blieb der ursprüngliche architektonische Charakter von Josef Zíteks Entwurf erhalten.
Am 18. November 1883 wurde das Nationaltheater schließlich erneut eröffnet.
Wie bereits bei der ersten Eröffnung wurde wieder Smetanas Oper Libuše aufgeführt.
Architektur des Nationaltheaters
Das historische Gebäude des Nationaltheaters (Národní divadlo) zählt zu den bedeutendsten Beispielen der Neorenaissance in Prag.
Josef Zítek orientierte sich insbesondere an Formen der italienischen Renaissance und verband sie mit einer repräsentativen Architektur, die der politischen und kulturellen Bedeutung des Projekts entsprechen sollte.
Die Fassade ist reich mit Säulen, Skulpturen, Reliefs und allegorischen Figuren geschmückt.
Besonders auffällig ist das goldene Dach, das zusammen mit den darüber aufragenden Figurengruppen die Silhouette des Gebäudes prägt.
Durch seine Lage unmittelbar an der Moldau besitzt das Nationaltheater zudem eine besonders markante städtebauliche Position.
Die Trigae auf dem Dach
Zu den auffälligsten Details des Nationaltheaters gehören die beiden Figurengruppen auf dem Dach.
Sie stellen die Siegesgöttin Victoria auf einem von drei Pferden gezogenen Wagen dar. Solche Dreigespanne werden als Triga bezeichnet.
Die ursprünglich geplanten beziehungsweise ausgeführten Figuren des Bildhauers Bohuslav Schnirch gingen beim Brand von 1881 verloren.
Die heutigen Trigae wurden später nach seinen Entwürfen beziehungsweise unter Beteiligung seiner Schüler geschaffen und 1911 auf dem Dach aufgestellt.
Von verschiedenen Punkten entlang der Moldau sind sie gut zu erkennen.
Die Generation des Nationaltheaters
Auch die künstlerische Ausstattung des Gebäudes sollte bewusst die tschechische Geschichte und Kultur repräsentieren.
An ihr beteiligten sich zahlreiche bedeutende Künstler des 19. Jahrhunderts, die heute häufig als Generation des Nationaltheaters bezeichnet werden.
Dazu gehörten unter anderem Mikoláš Aleš, František Ženíšek, Josef Václav Myslbek, Bohuslav Schnirch, Václav Brožík und Julius Mařák.
Malerei, Skulptur und Architektur wurden dabei zu einem Gesamtkunstwerk verbunden.
Viele Motive greifen tschechische Geschichte, Mythologie, Landschaften und nationale Symbole auf.
Der Hynais-Vorhang
Eines der bekanntesten Kunstwerke im Inneren des Nationaltheaters ist der große Bühnenvorhang von Vojtěch Hynais.
Der ursprüngliche Vorhang von František Ženíšek war beim Brand von 1881 zerstört worden. Hynais erhielt anschließend den Auftrag, einen neuen Vorhang zu gestalten.
Sein Werk zeigt symbolisch die Entstehung des Nationaltheaters. Künstler, Handwerker und Unterstützer wirken gemeinsam am Aufbau des Hauses mit.
Damit greift das Gemälde unmittelbar die Entstehungsgeschichte des Theaters und das Motto „Národ sobě“ auf.
Der Vorhang ist mehr als zwölf Meter breit, fast zwölf Meter hoch und wiegt mehrere hundert Kilogramm.
Zuschauerraum und Kronleuchter
Auch der historische Zuschauerraum gehört zu den eindrucksvollsten Bereichen des Nationaltheaters.
Rot, Gold und reich verzierte Dekorationen bestimmen den Innenraum. An der Decke befinden sich allegorische Darstellungen verschiedener Künste.
Besonders auffällig ist der große Kronleuchter.
Er basiert auf einem Entwurf Josef Zíteks. Das ursprüngliche Exemplar wurde beim Brand zerstört und später durch eine originalgetreue Nachbildung ersetzt.
Der Kronleuchter ist mehrere Meter hoch und wiegt fast zwei Tonnen.
Die „Goldene Kapelle“
In Tschechien wird das Nationaltheater gelegentlich als „Zlatá kaplička“, also „Goldene Kapelle“, bezeichnet.
Der Name passt nicht nur zur reich vergoldeten Ausstattung und zum charakteristischen Dach.
Er beschreibt auch den besonderen Stellenwert, den das Gebäude für die tschechische Kulturgeschichte besitzt.
Während seiner Entstehungszeit wurde das Nationaltheater zu einem beinahe symbolischen Heiligtum der tschechischen Sprache, Kultur und nationalen Identität.
Technische Innovationen des 19. Jahrhunderts
Das Nationaltheater war bei seiner Wiedereröffnung nicht nur architektonisch repräsentativ, sondern auch technisch modern.
Beim Wiederaufbau nach dem Brand kamen moderne Konstruktionen und Bühnentechnik zum Einsatz. Auch elektrische Beleuchtung spielte früh eine wichtige Rolle.
Damit gehörte das Theater im späten 19. Jahrhundert zu den technisch fortschrittlichen Bühnen Europas.
Umbau zwischen 1977 und 1983
Fast ein Jahrhundert nach der Wiedereröffnung war eine umfassende Modernisierung notwendig.
Am 1. April 1977 wurde das historische Gebäude für umfangreiche Arbeiten geschlossen.
Unter Leitung des Architekten Zdeněk Vávra wurde nicht nur das Theater selbst renoviert. Gleichzeitig wurde das gesamte Umfeld neu gestaltet und technisch modernisiert.
Am 18. November 1983 öffnete das historische Nationaltheater wieder seine Türen.
Auch diesmal wurde zur Wiedereröffnung Libuše gespielt – genau 100 Jahre nach der zweiten Eröffnung von 1883.
Die Neue Bühne neben dem Nationaltheater
Direkt neben dem historischen Gebäude befindet sich die Neue Bühne (Nová scéna).
Der moderne Bau entstand im Zusammenhang mit der großen Rekonstruktion des Nationaltheater-Komplexes und bildet einen starken architektonischen Kontrast zum historischen Theater.
Während das Nationaltheater von Neorenaissance, Säulen und Skulpturen geprägt ist, besitzt die Neue Bühne eine deutlich modernere und geometrischere Gestaltung.
Beide Gebäude gehören heute zum größeren Komplex des Nationaltheaters.
Welche Bühnen gehören zum Nationaltheater?
Der Begriff Nationaltheater bezeichnet heute nicht nur das historische Gebäude an der Moldau, sondern eine größere Kulturinstitution mit mehreren Spielstätten.
Dazu gehören:
- das Nationaltheater (Národní divadlo)
- die Staatsoper (Státní opera)
- das Ständetheater (Stavovské divadlo)
- die Neue Bühne (Nová scéna)
Wenn du eine Vorstellung buchen möchtest, solltest du deshalb immer darauf achten, in welchem Gebäude sie tatsächlich stattfindet.
Oper, Schauspiel und Ballett
Im historischen Nationaltheater werden heute verschiedene Sparten präsentiert.
Zum Programm gehören vor allem Opern, Schauspiele und Ballettaufführungen.
Das Repertoire verbindet klassische Werke mit moderneren Produktionen. Auch Komponisten wie Bedřich Smetana und Antonín Dvořák spielen traditionell eine wichtige Rolle.
Für Besucher Prags kann ein Theaterabend eine gute Gelegenheit sein, das Gebäude nicht nur als Sehenswürdigkeit, sondern in seiner ursprünglichen Funktion zu erleben.
Nationaltheater besichtigen
Du musst nicht unbedingt eine Vorstellung besuchen, um einen Blick in das Nationaltheater werfen zu können.
Zu ausgewählten Terminen werden Führungen durch das historische Gebäude angeboten.
Dabei kannst du Bereiche kennenlernen, die bei einem normalen Spaziergang durch Prag nicht zugänglich sind.
Je nach Führung gehören dazu unter anderem:
- die historischen Grundsteine im Untergeschoss
- der Zuschauerraum
- verschiedene Foyers
- Kunstwerke der Generation des Nationaltheaters
- mehrere Stockwerke des Gebäudes
- die Terrasse des Nationaltheaters
Eine Führung eignet sich besonders, wenn du dich für Architektur, Kunst oder tschechische Geschichte interessierst.
Da die Führungen nicht wie ein gewöhnlicher Museumsbetrieb täglich durchgehend angeboten werden, solltest du die aktuellen Termine vorher prüfen.
Aussicht von der Terrasse
Eine weniger bekannte Besonderheit des Nationaltheaters ist die Terrasse.
Von hier öffnet sich der Blick über die Moldau und Teile des historischen Prags. Besonders gut zu erkennen sind unter anderem der Petřín und die Prager Burg (Pražský hrad).
Auch Besucher einer Vorstellung können die Terrasse teilweise vor Beginn oder während der Pause nutzen.
Bei schlechtem Wetter kann sie allerdings geschlossen sein.
Eine Vorstellung im Nationaltheater besuchen
Wenn du das Gebäude in seiner eigentlichen Funktion erleben möchtest, lohnt sich der Besuch einer Oper, eines Theaterstücks oder einer Ballettaufführung.
Schon der Weg durch die historischen Foyers und der Blick in den rot-goldenen Zuschauerraum gehören zum Erlebnis.
Für einen Besuch empfiehlt sich gepflegte Kleidung. Strenge Abendgarderobe ist für die meisten Vorstellungen nicht zwingend erforderlich, das historische Ambiente des Hauses lädt aber zu etwas eleganterer Kleidung ein.
Mäntel, größere Taschen und Regenschirme können an der Garderobe abgegeben werden.
Tickets solltest du insbesondere bei beliebten Produktionen frühzeitig buchen.
Nationaltheater von außen ansehen
Auch ohne Führung oder Theaterkarte lohnt sich ein kurzer Stopp am Nationaltheater.
Besonders eindrucksvoll ist das Gebäude von der gegenüberliegenden Moldauseite oder von den Brücken in der Umgebung.
Durch die Lage direkt am Wasser lässt sich das Nationaltheater sehr gut in einen Spaziergang entlang der Moldau einbauen.
Auch vom Bereich der Slawischen Insel (Slovanský ostrov) und von der Umgebung der Legionenbrücke (Most Legií)ergeben sich gute Blicke auf die Fassade und das Dach.
Am Abend wird das Gebäude beleuchtet und hebt sich deutlich von der Uferbebauung ab.
Was befindet sich in der Nähe?
Das Nationaltheater liegt sehr zentral und lässt sich problemlos mit weiteren Sehenswürdigkeiten verbinden.
Direkt vor dem Gebäude führt die Národní třída in Richtung Innenstadt.
Nur wenige Gehminuten entfernt befinden sich unter anderem die Slawische Insel (Slovanský ostrov), die Legionenbrücke (Most Legií) und das Moldauufer.
Über die Legionenbrücke erreichst du den Bereich unterhalb des Petřín sowie die Kleinseite (Malá Strana).
In Richtung Innenstadt gelangst du schnell zum Franziskanergarten (Františkánská zahrada), zum Jungmannplatz (Jungmannovo náměstí) und weiter zum Wenzelsplatz (Václavské náměstí).
Wie kommst du hin?
Das Nationaltheater (Národní divadlo) liegt direkt an der Moldau im Zentrum von Prag und ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln sehr gut erreichbar.
Unmittelbar vor dem Theater befindet sich die Straßenbahnhaltestelle Národní divadlo.
Da sich Linienführungen durch Baustellen oder Fahrplanänderungen verändern können, ist die Haltestelle selbst die beste Orientierung für deine Planung.
Auch zu Fuß ist das Nationaltheater aus großen Teilen der Altstadt und Neustadt schnell erreichbar.
Die zentrale Lage macht das Gebäude zu einem guten Zwischenstopp bei einem Spaziergang zwischen Moldau, Altstadt, Neustadt und Kleinseite.


















