Das Agneskloster (Anežský klášter) liegt im nordöstlichen Teil der Prager Altstadt (Staré Město) nahe dem Moldauufer und dem Platz Na Františku. Hinter den unscheinbaren Gassen verbirgt sich ein weitläufiger mittelalterlicher Gebäudekomplex mit Kirchen, Kapellen, Kreuzgängen, Klosterräumen und mehreren Gärten. Die Anlage zählt zu den ältesten und bedeutendsten gotischen Bauwerken in Prag und gehört heute zu den Ausstellungsorten der Nationalgalerie Prag (Národní galerie Praha).
Gegründet wurde das Kloster zu Beginn der 1230er-Jahre von der Přemysliden-Prinzessin Agnes von Böhmen (Anežka Česká) mit Unterstützung ihres Bruders, König Wenzel I. Agnes verzichtete auf ein Leben am europäischen Hochadel, trat selbst in das Kloster ein und wurde dessen erste Äbtissin. Die 1989 heiliggesprochene Ordensfrau gehörte zu den bedeutendsten religiösen Persönlichkeiten des mittelalterlichen Böhmens.
Die Anlage wurde als Doppelkloster für die Klarissen und die Franziskaner beziehungsweise Minderen Brüder errichtet. Sie war damit eines der frühesten Doppelklöster dieser Orden nördlich der Alpen. Gleichzeitig diente der Komplex als geistliches Zentrum und als Begräbnisstätte der böhmischen Herrscherdynastie der Přemysliden. In der Kirche des heiligen Franziskus (Kostel svatého Františka) wurde unter anderem König Wenzel I. beigesetzt. Auch Agnes fand im Kloster ihre letzte Ruhestätte, der genaue Ort ihres Grabes ist jedoch nicht bekannt.
Der Baukomplex entwickelte sich während des gesamten 13. Jahrhunderts. Zu seinen wichtigsten Bereichen gehören die Kirche des heiligen Franziskus, der Kreuzgang der Klarissen, das Refektorium, die sogenannte Schwarze Küche, das persönliche Oratorium der heiligen Agnes und die Salvatorkirche (Kostel svatého Salvátora). Letztere entstand etwa zwischen 1270 und 1280 und gehört zu den frühesten Beispielen französisch beeinflusster Hochgotik in Böhmen. Ihr Chorraum war vermutlich als königliche Grablege vorgesehen.
Nach den Hussitenkriegen verlor das Kloster zunehmend an Bedeutung. Die Klarissen verließen die Anlage zeitweise, Gebäude verfielen und Teile der Kirchen wurden beschädigt. Im Zuge der kirchlichen Reformen Kaiser Josephs II. wurde das Kloster gegen Ende des 18. Jahrhunderts aufgehoben. Anschließend dienten die ehemaligen Klosterräume unter anderem als Lager, Werkstätten und einfache Unterkünfte. Erst im späten 19. und im 20. Jahrhundert begannen systematische Bemühungen um die Rettung des wertvollen Ensembles. Die umfassende Restaurierung wurde 1986 abgeschlossen; bereits 1980 hatte die Nationalgalerie hier ihre erste Ausstellung eröffnet.
Heute befindet sich im Obergeschoss die Dauerausstellung „Mittelalterliche Kunst in Böhmen und Mitteleuropa 1200–1550“. Mehr als 200 Gemälde, Skulpturen und kunsthandwerkliche Objekte zeigen die Entwicklung der mittelalterlichen Kunst von der Zeit der Přemysliden über die Regierungszeit Kaiser Karls IV. bis zur Spätgotik und frühen Renaissance. Zu den vertretenen Künstlern und Werkstätten gehören der Meister von Hohenfurth, Meister Theoderich, der Meister des Wittingauer Altars und der Meister der Krumauer Madonna.
Im Erdgeschoss führt ein Rundgang durch die Geschichte und Architektur des ehemaligen Doppelklosters. Das Lapidarium präsentiert ausgewählte Grabsteine, Baufragmente, Weihetafeln und andere Fundstücke, die während jahrzehntelanger archäologischer Untersuchungen und Restaurierungsarbeiten entdeckt wurden. Dadurch kannst du nicht nur Kunstwerke betrachten, sondern auch die ursprünglichen mittelalterlichen Räume und verschiedene Bauphasen des Klosters kennenlernen.
Zum Agneskloster gehören außerdem mehrere öffentlich zugängliche Gärten. Zwischen alten Mauern, Rasenflächen und historischen Gebäuden stehen fast 20 moderne Skulpturen tschechischer Künstler. Die Verbindung aus mittelalterlicher Architektur und zeitgenössischer Kunst macht die Gärten zu einem ruhigen Rückzugsort abseits der stark besuchten Plätze der Altstadt. Der Zugang zu den Gärten ist kostenlos, bei ungünstigem Wetter können sie geschlossen bleiben.
Die Ausstellungen sind regulär von Dienstag bis Sonntag zwischen 10 und 18 Uhr geöffnet, montags bleibt das Museum geschlossen. Die Klostergärten öffnen täglich; von Juni bis August gelten nach Angaben der Nationalgalerie derzeit Öffnungszeiten von 10 bis 20 Uhr, in den übrigen Monaten schließen sie früher. Der Eingang befindet sich an der Adresse Anežská 12. Das Gebäude verfügt grundsätzlich über einen stufenlosen Zugang, Aufzüge und barrierefreie Toiletten, wobei einzelne technische Einrichtungen zeitweise eingeschränkt sein können.
