Die Bethlehemskapelle (Betlémská kaple) steht am ruhigen Bethlehemsplatz (Betlémské náměstí) in der Prager Altstadt (Staré Město). Sie gehört zu den wichtigsten Schauplätzen der tschechischen Religions- und Kulturgeschichte und ist vor allem mit dem Wirken des Predigers und Reformators Jan Hus verbunden. Trotz ihres Namens war sie nie eine gewöhnliche Pfarrkirche, sondern von Beginn an als großer Versammlungsraum für Predigten gedacht.
Gegründet wurde die Kapelle 1391 durch den königlichen Hofmann Hanuš von Mühlheim und den wohlhabenden Prager Kaufmann Jan Kříž. In der Gründungsurkunde wurde ausdrücklich festgelegt, dass hier in tschechischer Sprache gepredigt werden sollte. Dies war zu einer Zeit, in der in vielen Prager Kirchen vor allem lateinische oder deutsche Predigten gehalten wurden, von besonderer Bedeutung. Errichtet wurde die ursprüngliche Kapelle zwischen 1391 und 1394. Ihr Name erinnert an die in Bethlehem getöteten unschuldigen Kinder aus der biblischen Überlieferung.
Die ursprüngliche Bethlehemskapelle war ein auffallend schlichter Predigtsaal mit einem unregelmäßigen Grundriss. Dieser ergab sich aus der engen Bebauung des mittelalterlichen Stadtviertels und den bereits vorhandenen Nachbarhäusern. Der große Innenraum besaß einen hölzernen Balkenboden beziehungsweise eine von zwei Pfeilern gestützte Holzbalkendecke. Auf aufwendige Kirchenausstattung wurde bewusst verzichtet, damit das gesprochene Wort im Mittelpunkt stand. Nach Angaben der Tschechischen Technischen Universität konnten sich hier bis zu 3.000 Zuhörer versammeln.
Ihre größte historische Bedeutung erhielt die Kapelle durch Jan Hus, der hier von 1402 bis 1413 als Prediger und Verwalter wirkte. In seinen tschechischsprachigen Predigten kritisierte er Missstände innerhalb der Kirche, den Handel mit Ablässen und den luxuriösen Lebensstil vieler Geistlicher. Seine Gottesdienste fanden großen Zuspruch und wurden von Studenten, Bürgern, Handwerkern, Angehörigen des Adels und Mitgliedern des königlichen Hofes besucht. Im Februar 1413 hielt Hus seine letzte Predigt in der Kapelle, bevor er Prag verlassen musste. Zwei Jahre später wurde er während des Konzils von Konstanz als Ketzer verurteilt und am 6. Juli 1415 verbrannt.
Auch nach seinem Tod blieb die Bethlehemskapelle ein bedeutendes Zentrum der böhmischen Reformationsbewegung. Nach der Niederlage der böhmischen Stände zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges wurde sie 1622 den Jesuiten übergeben, die hier wieder katholische Gottesdienste einführten. Nach der Aufhebung des Jesuitenordens gelangte das Gebäude 1773 in staatlichen Besitz. Wegen schwerer statischer Schäden wurde 1786 der Abriss großer Teile der Kapelle angeordnet. Einige mittelalterliche Mauern, Teile des Predigerhauses und weitere Bauelemente blieben jedoch erhalten. Auf dem Grundstück entstand 1836 und 1837 ein klassizistisches Wohnhaus.
Zwischen 1950 und 1954 wurde die Bethlehemskapelle nach einem Entwurf des tschechischen Architekten Jaroslav Fragner wiederaufgebaut. Dabei bezog man erhaltene mittelalterliche Mauern, Fundamente und andere Originalteile in den Neubau ein. Die heutige Kapelle ist deshalb keine vollständig erhaltene gotische Kirche, sondern eine denkmalpflegerische Rekonstruktion, die sich in Grundriss, Höhe und Raumwirkung an der mittelalterlichen Anlage orientiert. Auch die Wandbilder und Inschriften im Inneren wurden teilweise anhand historischer Vorlagen rekonstruiert.
Im Inneren fallen vor allem die große, bewusst schlicht gehaltene Halle, die hölzerne Decke, die hohen Spitzbogenfenster und die historischen Wandtexte auf. Einige Fragmente stammen noch aus dem Mittelalter, darunter ein Teil des lateinischen Textes „Über die sechs Irrtümer“, der mit dem Umfeld von Jan Hus verbunden ist. Weitere Darstellungen greifen Szenen aus der hussitischen Geschichte, mittelalterliche Handschriften und religiöse Themen auf. Mehrere ursprüngliche Türen, Fensteröffnungen und der Zugang zur Kanzel vermitteln einen Eindruck davon, wie der Raum zur Zeit von Jan Hus genutzt wurde.
Zur Anlage gehört außerdem das angrenzende Predigerhaus, in dem Jan Hus während seiner Tätigkeit an der Kapelle gewohnt haben soll. Heute befindet sich dort eine Dauerausstellung über die Geschichte der Bethlehemskapelle, das Leben und Wirken von Jan Hus sowie die Entwicklung des nichtkatholischen Denkens in Böhmen. Zu sehen sind historische Dokumente, Modelle, Bilder und eine nachgestaltete Wohnung des Predigers. Im Untergeschoss der Kapelle befinden sich archäologische Baureste, Fundamente und historische Grabstätten. Dieses sogenannte Lapidarium ist allerdings hauptsächlich im Rahmen besonderer Ausstellungen zugänglich.
Heute gehört die Bethlehemskapelle zur Tschechischen Technischen Universität Prag (České vysoké učení technické v Praze). Sie nutzt den historischen Saal unter anderem für Abschlussfeiern, Immatrikulationen, Konzerte, wissenschaftliche Veranstaltungen und festliche Versammlungen. Daneben bleibt die Anlage als historisches Denkmal und Museum für Besucher zugänglich. Einmal jährlich findet hier zum Gedenken an den Tod von Jan Hus auch eine ökumenische Versammlung statt.
Die Bethlehemskapelle liegt etwas abseits der meistbesuchten Wege zwischen dem Altstädter Ring und der Karlsbrücke. Der ruhige Platz und die schlichte Architektur bilden einen deutlichen Kontrast zu den reich ausgestatteten Barockkirchen der Prager Altstadt. Ein Besuch lohnt sich besonders, wenn du dich für Jan Hus, die Hussitenbewegung, die böhmische Reformation oder die Geschichte der tschechischen Sprache interessierst.
Der Eingang befindet sich am Bethlehemsplatz 4 (Betlémské náměstí 4). Nach den aktuell veröffentlichten Angaben ist die Anlage ganzjährig täglich von 9:00 bis 17:30 Uhr geöffnet. Der reguläre Eintritt beträgt derzeit 90 CZK, ermäßigte Karten kosten 50 CZK. Wegen universitärer Feiern, Konzerte oder anderer Veranstaltungen kann die Besichtigung des Hauptsaals zeitweise eingeschränkt sein.