Neue Propstei (Nové proboštství)

Die Neue Propstei (Nové proboštství) gehört zu den weniger bekannten Bauwerken auf der Prager Burg (Pražský hrad). Mit ihrer neugotischen Backsteinfassade, den steilen Schieferdächern und den hellen Sandsteindetails hebt sie sich deutlich von den umliegenden Palästen und Kirchen ab. Nach einer umfassenden Restaurierung ist auch der lange verschlossene Innenhof wieder öffentlich zugänglich. Dort treffen historische Architektur, moderne Anbauten und ein ungewöhnlicher Blick in den Hirschgraben (Jelení příkop) aufeinander.


Ein neugotischer Blickfang am Georgsplatz

Die Neue Propstei (Nové proboštství) steht an der Nordseite des Georgsplatzes (náměstí U Svatého Jiří). Sie befindet sich unmittelbar neben dem ehemaligen St.-Georg-Kloster (Klášter svatého Jiří) und nur wenige Schritte von der St.-Georgs-Basilika (Bazilika svatého Jiří) und dem Veitsdom (Katedrála svatého Víta) entfernt.

Obwohl täglich zahlreiche Besucher an dem Gebäude vorbeigehen, wird es häufig nur als Teil der historischen Kulisse wahrgenommen. Ein genauerer Blick lohnt sich jedoch: Die Neue Propstei ist eines der markantesten Beispiele für die neugotische Umgestaltung der Prager Burg im späten 19. Jahrhundert.

Besonders auffällig sind das unverputzte Ziegelmauerwerk, die steilen Giebel, die verzierten Dachgauben und die hellen Einfassungen aus Sandstein. An der Gebäudeecke steht eine Figur des Heiligen Wenzel, die der Bildhauer Ludvík Šimek schuf. Ein steinerner Balkon und zahlreiche kleine Bauornamente verstärken den beinahe schlossartigen Charakter des Hauses.

Erbaut für den Propst des Metropolitankapitels

Die Neue Propstei entstand in den Jahren 1877 und 1878 nach Plänen des Architekten Josef Mocker. Auftraggeber war das Metropolitankapitel von St. Veit (Metropolitní kapitula u sv. Víta), das für seinen Propst eine neue repräsentative Residenz benötigte.

Für den Neubau wurden drei ältere Gebäude abgebrochen. An dieser Stelle hatten sich zuvor unter anderem ein Haus des Burghauptmanns sowie Gebäude befunden, die mit hohen böhmischen Landesbeamten und der Äbtissin des benachbarten St.-Georg-Klosters verbunden waren.

Josef Mocker war zu dieser Zeit Dombaumeister des Veitsdoms und spielte eine entscheidende Rolle bei dessen neugotischer Vollendung. Die architektonische Nähe zwischen Dom und Propstei ist daher kein Zufall. Ähnliche Formen, Materialien und handwerkliche Details verbinden beide Bauwerke miteinander.

Die Architektur von Josef Mocker

Die Neue Propstei wurde als repräsentativer neugotischer Backsteinbau gestaltet. Während viele Gebäude der Prager Burg von verputzten Renaissance- oder Barockfassaden geprägt sind, zeigt die Propstei offen ihr rötliches Ziegelmauerwerk.

Die Gebäudeecken, Fensterrahmungen und dekorativen Bauteile bestehen aus hellem Sandstein. Zusammen mit den gemusterten Schieferdächern entsteht ein deutlicher Farbkontrast. Spitzgiebel, kleine Türmchen, metallene Dachspitzen und verzierte Gauben lassen das Gebäude aus manchen Blickwinkeln fast wie ein englisches Landhaus des 19. Jahrhunderts erscheinen.

Auch die Innenräume waren aufwendig ausgestattet. Erhalten blieben unter anderem historische Türen, Fensterläden, Parkettböden, Kassettendecken und Kachelöfen. Im Haupttreppenhaus wurden ursprüngliche Farbreste untersucht und die dekorativen Wandmalereien nach historischen Plänen rekonstruiert.

Enteignung und jahrzehntelanger Verfall

Bis 1948 diente die Neue Propstei als Residenz des Propstes. Nach der Machtübernahme der Kommunisten wurde das Gebäude vom Staat beschlagnahmt und verlor seine ursprüngliche kirchliche Funktion.

Anschließend wurde es vor allem als technisches Hinterland der Prager Burg genutzt. In den Räumen entstanden unter anderem Werkstätten, Ateliers und Arbeitsbereiche. Notwendige Reparaturen blieben über lange Zeit aus, wodurch sich der Zustand des Hauses zunehmend verschlechterte.

In den 1960er-Jahren wurden die früheren Wirtschaftsgebäude im Innenhof abgerissen. Zwischen dem Hof und der nördlichen Wehrmauer entstand ein tiefer Graben. Zeitweise war sogar vorgesehen, die gesamte Propstei abzubrechen. Das historische Hauptgebäude blieb zwar erhalten, war bei seiner späteren Rückgabe jedoch stark sanierungsbedürftig.

Restaurierung und Rückkehr des Metropolitankapitels

Im Jahr 2016 wurde die Neue Propstei an das Metropolitankapitel zurückgegeben. Danach begannen umfangreiche Untersuchungen und Planungen für die Rettung des Gebäudes. Die eigentlichen Bauarbeiten wurden von 2020 bis 2023 ausgeführt.

Im Mittelpunkt stand die denkmalgerechte Wiederherstellung des historischen Hauses. Schäden am Mauerwerk wurden behoben, das Gebäude trockengelegt und der Dachstuhl umfassend erneuert. Die neue Schieferdeckung greift das ursprüngliche Muster aus schwarzen und graugrünen Platten auf.

Auch die Backsteinfassade und die Sandsteinelemente wurden gereinigt und ergänzt. Historische Türen, Fenster, Kassettendecken und Parkettböden konnten größtenteils restauriert werden. Verantwortlich für das Gesamtprojekt war Studio acht unter der Leitung des Architekten Václav Hlaváček.

Moderne Architektur im historischen Innenhof

Die Restaurierung beschränkte sich nicht auf das alte Hauptgebäude. An den Standorten der früheren Wirtschaftsflügel entstanden zwei moderne Anbauten. Sie übernehmen ungefähr die Form und das Volumen der abgerissenen Stall- und Nebengebäude, unterscheiden sich in ihrer Gestaltung jedoch bewusst von der neugotischen Propstei.

Die neuen Flügel bestehen aus Stahlkonstruktionen, Glasflächen und Verkleidungen aus Sandstein. Durch die zurückhaltende Materialwahl fügen sie sich in die historische Umgebung ein, ohne alte Architektur nachzuahmen.

Der Kontrast zwischen dem Backsteingebäude Josef Mockers und den klaren Linien der modernen Anbauten macht den Innenhof zu einem der interessantesten neu gestalteten Bereiche der Prager Burg. Die Erweiterungen sind für gastronomische und weitere öffentlich zugängliche Nutzungen vorgesehen.

Innenhof, Brunnen und Aussicht in den Hirschgraben

Seit Dezember 2023 ist der Innenhof der Neuen Propstei für Besucher geöffnet. Du gelangst durch den Durchgang des historischen Hauptgebäudes hinein. Im Hof befindet sich ein moderner Brunnen aus Granit und Bronze, der von einem steinernen Obelisken überragt wird.

Auf dem Wasserüberlauf stehen die lateinischen Namen der drei Hauptpatrone des Veitsdoms: Wenceslaus, Vitus und Adalbertus – Wenzel, Veit und Adalbert beziehungsweise Vojtěch. Die Gestaltung erinnert damit an die enge Verbindung zwischen der Propstei, dem Metropolitankapitel und der Kathedrale.

Am nördlichen Ende des Hofes führt eine kleine Aussichtsplattform bis an die historische Wehrmauer. Von hier blickst du hinunter in den Hirschgraben (Jelení příkop) und hinüber zur Ballspielhalle im Königlichen Garten (Míčovna v Královské zahradě).

Dieser Blickwinkel ist innerhalb der Prager Burg ungewöhnlich. Andere Höfe entlang der nördlichen Befestigungsmauer sind normalerweise nicht öffentlich zugänglich.

Archäologische Spuren unter der Propstei

Während der Restaurierungsarbeiten führten Archäologen Rettungsgrabungen auf dem Gelände durch. Dabei kamen Keller, Mauern und weitere Überreste älterer Gebäude zum Vorschein.

Zu den Funden gehörten gotische und renaissancezeitliche Baustrukturen sowie Teile einer spätgotischen Befestigungsanlage. Einige der Mauern werden mit den Ausbauarbeiten unter dem Baumeister Benedikt Ried während der Herrschaft der Jagiellonen in Verbindung gebracht.

Die Planungen für die neuen Gebäudeteile wurden teilweise angepasst, damit bedeutende archäologische Strukturen erhalten und dokumentiert werden konnten. Damit vereint der Komplex heute Spuren aus mehreren Jahrhunderten – von mittelalterlichen Befestigungen über die Neugotik bis zur zeitgenössischen Architektur.

Was kannst du besichtigen?

Die historischen Repräsentations- und Verwaltungsräume der Neuen Propstei gehören nicht zum regulären Besichtigungsrundgang der Prager Burg. Das Hauptgebäude wird wieder von kirchlichen Einrichtungen und insbesondere vom Metropolitankapitel genutzt.

Öffentlich zugänglich sind vor allem der Gebäudedurchgang, der neu gestaltete Innenhof, die Aussichtsplattform und die gastronomisch genutzten Anbauten. Für den Besuch des Hofes wird normalerweise keine Eintrittskarte für die kostenpflichtigen Sehenswürdigkeiten der Prager Burg benötigt.

Der Zugang kann von den Öffnungszeiten des Burgareals und der Betriebe im Innenhof abhängen. Auch vorübergehende Einschränkungen durch Veranstaltungen, Sicherheitsmaßnahmen oder Bauarbeiten sind möglich.

Neue Propstei oder Alte Propstei?

Auf der Prager Burg gibt es eine Neue Propstei (Nové proboštství) und eine Alte Propstei (Staré proboštství). Beide Gebäude werden deshalb leicht miteinander verwechselt.

Die Alte Propstei steht unmittelbar neben dem Veitsdom am dritten Burghof. Ihre heutige Erscheinung ist überwiegend barock geprägt. Vor dem Gebäude befindet sich eine Säule mit einer Darstellung des Heiligen Georg.

Die Neue Propstei liegt dagegen am Georgsplatz in der Nähe der St.-Georgs-Basilika. Du erkennst sie an ihrer neugotischen Backsteinfassade, den hohen Schieferdächern und der Figur des Heiligen Wenzel an der Gebäudeecke.

Die besten Fotoperspektiven

Die vollständige Hauptfassade lässt sich am besten vom gegenüberliegenden Bereich des Georgsplatzes fotografieren. Von dort sind die beiden Giebel, das gemusterte Dach, der Balkon und die Statue des Heiligen Wenzel gemeinsam zu sehen.

Interessante Detailmotive findest du an den Sandsteinrahmungen, den Dachgauben und den metallenen Spitzen auf dem Dach. Im Innenhof bieten sich Kontraste zwischen dem historischen Backsteinbau und den modernen Anbauten aus Glas, Stahl und Sandstein an.

Auch der Blick von der Aussichtsplattform in den Hirschgraben ist ein gutes Motiv. Besonders am Vormittag oder am späteren Nachmittag sorgt das seitliche Licht für mehr Tiefe an den Fassaden und Mauern.

Wie kommst du hin?

Die Neue Propstei befindet sich innerhalb des Geländes der Prager Burg am Georgsplatz (náměstí U Svatého Jiří). Der bequemste Weg führt von der Straßenbahnhaltestelle Prager Burg (Pražský hrad) durch den nördlichen Eingang des Burgareals. Von dort gehst du am Veitsdom vorbei in Richtung St.-Georgs-Basilika.

Alternativ erreichst du das Gebäude über den Haupteingang am Hradschiner Platz (Hradčanské náměstí). Von der Metrostation Kleinseitner Bahnhof (Malostranská) kannst du mit der Straßenbahn hinauffahren oder über die Alte Schlossstiege (Staré zámecké schody) zur Burg laufen.

Sehenswürdigkeiten in der Umgebung

Der Besuch der Neuen Propstei lässt sich gut mit den wichtigsten Sehenswürdigkeiten im östlichen Teil der Prager Burg verbinden. Direkt gegenüber liegen die St.-Georgs-Basilika (Bazilika svatého Jiří) und das ehemalige St.-Georg-Kloster (Klášter svatého Jiří).

Nur wenige Gehminuten entfernt befinden sich der Veitsdom (Katedrála svatého Víta), der Alte Königspalast (Starý královský palác) und die Goldene Gasse (Zlatá ulička). Der Innenhof der Neuen Propstei eignet sich dabei als ruhiger Zwischenstopp abseits der stärker besuchten Hauptwege.

Neue Propstei auf der Prager Burg mit neugotischer Fassade, Schieferdach und Besuchern am Georgsplatz
Die neugotische Neue Propstei mit reich gegliederter Fassade und steilem Schieferdach am Georgsplatz der Prager Burg.