Die St.-Martins-Rotunde (Rotunda svatého Martina) steht innerhalb der historischen Festungsanlage Vyšehrad (Prager Hochburg) nahe dem Leopoldstor. Der kleine romanische Rundbau zählt zu den ältesten erhaltenen Gebäuden Prags und gilt als älteste sowie größte erhaltene Rotunde der Stadt. Zwischen den mächtigen barocken Festungsmauern, alten Bäumen und ruhigen Wegen wirkt die Kapelle beinahe unscheinbar. Gerade ihre schlichte Form vermittelt jedoch einen besonders anschaulichen Eindruck von der Architektur des frühen Mittelalters.
Errichtet wurde die Rotunde wahrscheinlich in der zweiten Hälfte oder im letzten Drittel des 11. Jahrhunderts. Ihre Entstehung fällt damit vermutlich in die Regierungszeit des böhmischen Fürsten und späteren Königs Vratislav II., der Vyšehrad zu einer bedeutenden Herrscherresidenz und zu einem kirchlichen Zentrum ausbauen ließ. Nach Einschätzung des Vyšehrader Kapitels gehörte die Rotunde möglicherweise zu einem Wirtschaftshof und diente ursprünglich als private Kapelle. Schriftlich erwähnt wurde sie erstmals im Jahr 1396.
Architektonisch besteht die St.-Martins-Rotunde aus einem kreisförmigen Hauptraum und einer nach Osten ausgerichteten halbrunden Apsis. Die fast einen Meter starken Mauern wurden aus kleineren Natursteinquadern errichtet. Schmale Rundbogenfenster, das kegelförmige Ziegeldach und die kleine Dachlaterne mit Glocke unterstreichen den wehrhaften und zugleich schlichten Charakter des Bauwerks. Die heutige Erscheinung verbindet erhaltene romanische Substanz mit Ergänzungen aus dem 19. Jahrhundert.
Nach der Schlacht von Vyšehrad im Jahr 1420 wurde die Rotunde aufgegeben und während der folgenden Jahrhunderte für unterschiedliche weltliche Zwecke verwendet. Zeitweise diente sie sogar als einfache Unterkunft. In der Apsis befand sich eine Küche, während für den Rauchabzug ein Loch in das Gewölbe geschlagen wurde. Im 15. und 16. Jahrhundert wurde das Gebäude mehrfach beschädigt. Erst 1719 wurde es instand gesetzt und vorübergehend wieder für kirchliche Zwecke genutzt.
Während der militärischen Nutzung des Vyšehrads wurde die Rotunde erneut profaniert und als Lager für Schießpulver verwendet. An diese kriegerische Vergangenheit erinnert eine Kanonenkugel, die bis heute rechts neben einem Fenster in der Außenmauer steckt. Sie stammt aus der preußischen Belagerung Prags im Jahr 1757. Dass das kleine Gebäude inmitten einer aktiven Festung erhalten blieb, ist angesichts der dort gelagerten explosiven Stoffe und der wiederholten Kämpfe bemerkenswert.
Im 19. Jahrhundert war die Rotunde erneut unmittelbar vom Abriss bedroht. Um 1841 sollte eine neue Straße zwischen der Prager Neustadt und Pankrác durch diesen Teil des Vyšehrads geführt werden. Der damalige Oberstburggraf Karel Chotek setzte sich für die Bewahrung des mittelalterlichen Bauwerks ein und verhinderte dessen Zerstörung. Die geplante Straße wurde schließlich so verlegt, dass sie an der Rotunde vorbeiführte.
Im Jahr 1875 erwarb das königliche Kollegiatkapitel von Vyšehrad die Kapelle. Anschließend wurde sie nach Plänen des Architekten Antonín Baum umfassend restauriert und 1878 wieder für religiöse Zwecke geöffnet. Bei diesen Arbeiten verschloss man den früheren Eingang an der Westseite und schuf an der Südseite das heutige neoromanische Portal. Auch Teile der Fenster, die Dachlaterne, die Innenausstattung und verschiedene architektonische Details wurden erneuert oder ergänzt. Die Restaurierung folgte dem damaligen Verständnis romanischer Architektur und würde heute als vergleichsweise stark eingreifende Rekonstruktion gelten.
Die Innenausstattung stammt deshalb überwiegend aus dem späten 19. Jahrhundert. Wandmalereien und dekorative Motive orientieren sich am berühmten Vyšehrader Kodex, einer kostbar ausgestatteten romanischen Handschrift, die vermutlich anlässlich der Königskrönung Vratislavs II. im Jahr 1085 entstand. Auch der Altar und weitere Elemente wurden bewusst so gestaltet, dass sie an die Kunst und Symbolik des 11. Jahrhunderts erinnern. Der kleine Innenraum vermittelt dadurch weniger einen vollständig originalen mittelalterlichen Zustand als vielmehr die Vorstellung des 19. Jahrhunderts von einer romanischen Kapelle.
Heute wird die St.-Martins-Rotunde (Rotunda svatého Martina) wieder als katholische Kapelle vom königlichen Kollegiatkapitel St. Peter und Paul auf dem Vyšehrad genutzt. Nach dem aktuell veröffentlichten Gottesdienstplan finden hier regelmäßig montags um 18 Uhr und samstags um 8 Uhr Gottesdienste statt. Zusätzliche Öffnungen werden gelegentlich im Rahmen kirchlicher Feste, historischer Veranstaltungen oder besonderer Programme auf dem Vyšehrad angeboten. Außerhalb solcher Termine ist der Innenraum normalerweise nicht frei für touristische Besichtigungen geöffnet.
Die Rotunde kann von außen jederzeit und kostenlos betrachtet werden. Sie steht unmittelbar an der Straße V Pevnosti zwischen dem Leopoldstor und dem inneren Bereich des Vyšehrads. Ein Besuch lässt sich gut mit den Kasematten, dem Ziegeltor, dem Vyšehrad-Park, der Basilika St. Peter und Paul und dem Vyšehrader Friedhof verbinden. Besonders reizvoll wirkt der kleine romanische Bau am frühen Morgen oder am Abend, wenn der umliegende Festungsbereich deutlich ruhiger ist.