Ständetheater (Stavovské divadlo)

Das Ständetheater (Stavovské divadlo) steht am Obstmarkt (Ovocný trh) in der Prager Altstadt (Staré Město). Nur wenige Schritte vom Altstädter Ring, dem Karolinum und der Celetná-Straße entfernt, gehört es zu den bedeutendsten historischen Bühnen Europas. Das Theater ist vor allem durch seine enge Verbindung zu Wolfgang Amadeus Mozart bekannt, spielte aber auch bei der Entwicklung des tschechischen Theaters und der tschechischen Nationalbewegung eine wichtige Rolle.

Errichtet wurde das Gebäude zwischen 1781 und 1783 auf Initiative des aufgeklärten böhmischen Adeligen Franz Anton Graf von Nostitz-Rieneck. Mit dem neuen Theater wollte er Prag kulturell aufwerten und zugleich eine öffentlich zugängliche Bildungs- und Unterhaltungseinrichtung schaffen. Die Planung und Bauleitung übernahm der Hofarchitekt Anton Haffenecker. Nach einer ungewöhnlich kurzen Bauzeit von weniger als zwei Jahren wurde das damalige Gräflich Nostitzsche Nationaltheater am 21. April 1783 mit Gotthold Ephraim Lessings Trauerspiel „Emilia Galotti“ eröffnet. 

Die lateinische Widmung „Patriae et Musis“, auf Deutsch „Dem Vaterland und den Musen“, bringt den ursprünglichen Anspruch des Hauses zum Ausdruck. Das Theater sollte nicht ausschließlich dem Adel dienen, sondern als moralische und kulturelle Einrichtung einem breiteren Publikum offenstehen. Damit entsprach es den Ideen der europäischen Aufklärung, nach denen öffentliche Theater als Zeichen für Bildung, gesellschaftlichen Fortschritt und die kulturelle Reife eines Landes galten. 

Das klassizistische Gebäude ist bis heute weitgehend in seiner historischen Grundform erhalten. Die grün-weißen Fassaden, die hohen Säulen, Dreiecksgiebel und regelmäßig angeordneten Rundbogenfenster verleihen ihm ein repräsentatives, aber vergleichsweise zurückhaltendes Erscheinungsbild. Im Inneren befindet sich ein mehrstöckiger Zuschauerraum mit Logen, Balkonen und einer traditionellen Guckkastenbühne. Holz spielt bei der Konstruktion des Zuschauerraums eine wichtige Rolle und trägt zur besonderen Akustik des Hauses bei. Das Ständetheater gehört zu den wenigen europäischen Theatergebäuden des späten 18. Jahrhunderts, die noch annähernd in ihrer ursprünglichen Gestalt erhalten sind. 

Untrennbar ist die Geschichte des Theaters mit Wolfgang Amadeus Mozart verbunden. Am 20. Januar 1787 dirigierte Mozart hier persönlich seine Oper „Figaros Hochzeit“. Das Werk war zuvor in Wien nur mit mäßigem Erfolg aufgenommen worden, wurde vom Prager Publikum jedoch begeistert gefeiert. Dieser Erfolg trug dazu bei, dass Mozart eine neue Oper eigens für Prag komponierte. 

Am 29. Oktober 1787 fand im damaligen Nostitz-Theater die Welturaufführung von „Don Giovanni“ statt. Mozart dirigierte die Premiere selbst. Die Oper wurde zu einem der berühmtesten Werke der Musikgeschichte und begründete die besondere Stellung des Ständetheaters innerhalb der internationalen Mozart-Tradition. Es gilt heute als das einzige noch regulär bespielte Theater, in dem Mozart persönlich die Weltpremiere einer seiner Opern leitete. 

Eine weitere Mozart-Uraufführung folgte 1791 mit „La clemenza di Tito“. Das Werk entstand anlässlich der Krönung Leopolds II. zum König von Böhmen. Auch wenn die Oper zunächst nicht denselben Erfolg wie „Don Giovanni“ erreichte, unterstreicht sie die außergewöhnlich enge Verbindung zwischen Mozart, Prag und dem heutigen Ständetheater. 

Nach dem Tod des Theatergründers bot dessen Erbe das Gebäude den böhmischen Ständen zum Kauf an. Diese erwarben es 1798, woraufhin es den Namen Königliches Ständetheater erhielt. Auf der Bühne wurden vor allem deutsche und italienische Stücke gespielt, daneben fanden aber zunehmend Aufführungen in tschechischer Sprache statt. Das Theater entwickelte sich dadurch zu einem wichtigen Schauplatz des kulturellen Nebeneinanders und der wachsenden Konkurrenz zwischen deutscher und tschechischer Theaterkultur in Prag. 

Für die Geschichte des tschechischen Musiktheaters besitzt das Haus ebenfalls große Bedeutung. Am 2. Februar 1826 wurde hier mit „Der Drahtbinder“ (Dráteník) von František Škroup die erste tschechische Oper uraufgeführt. Am 21. Dezember 1834 folgte die Premiere des Theaterstücks „Fidlovačka“ von Josef Kajetán Tyl. Während dieser Aufführung erklang erstmals Škroups Lied „Wo ist meine Heimat?“ (Kde domov můj), das später Bestandteil der tschechoslowakischen und schließlich der tschechischen Nationalhymne wurde. 

Zu den bedeutenden Künstlern, die im 19. Jahrhundert am Ständetheater wirkten oder gastierten, gehörten Carl Maria von Weber, Niccolò Paganini und Gustav Mahler. Weber leitete das Opernensemble von 1813 bis 1816, während Mahler in den Jahren 1885 und 1886 als junger Dirigent wertvolle Bühnenerfahrung sammelte. Paganini gab Ende 1828 mehrere Konzerte im Theater. 

Nachdem 1862 das eigenständige tschechische Interimstheater (Prozatímní divadlo) eröffnet worden war, wurde das Haus am Obstmarkt überwiegend zur deutschsprachigen Bühne. Erst 1920 wurde es dem Nationaltheater Prag (Národní divadlo) angegliedert und erhielt wieder den Namen Ständetheater. Während der deutschen Besatzung wurde es erneut als deutschsprachiges Theater betrieben. Von 1948 bis 1990 trug das Gebäude den Namen Tyl-Theater (Tylovo divadlo), bevor es nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft seine historische Bezeichnung zurückerhielt. 

Zwischen 1983 und 1991 erfolgte eine umfassende Restaurierung. Dabei wurden die Fundamente verstärkt, historische Malereien erneuert, die Logen und Balkone restauriert und technische Anlagen modernisiert. Die verwendeten Materialien wurden möglichst wenig verändert, um die besondere Akustik des Hauses zu bewahren. Auch ein historischer Kronleuchter wurde rekonstruiert. Am 12. Oktober 1991 wurde das restaurierte Theater feierlich wiedereröffnet. 

Heute ist das Ständetheater (Stavovské divadlo) eine der Spielstätten des Nationaltheaters Prag. Auf dem Programm stehen Schauspiel, Oper und Ballett. Eine besondere Stellung nehmen weiterhin die Werke Mozarts ein, darunter „Don Giovanni“, „Figaros Hochzeit“ und „Die Zauberflöte“. Das historische Haus ist damit kein reines Museum, sondern eine lebendige Bühne, auf der weiterhin regelmäßig Vorstellungen stattfinden. 

Den besten Eindruck vom Innenraum erhältst du bei einer Vorstellung oder während einer Führung. Das Nationaltheater bietet an ausgewählten Terminen Führungen für Einzelbesucher und Gruppen an, bei denen unter anderem der Zuschauerraum, die historischen Gesellschaftsräume und Bereiche hinter den Kulissen vorgestellt werden. Außerhalb von Vorstellungen und Führungen ist das Innere normalerweise nicht frei zugänglich. Das Gebäude befindet sich am Ovocný trh 1; der Zuschauereingang liegt an der Ecke der Straßen Rytířská und Železná.