Das St.-Wenzels-Denkmal (Pomník svatého Václava) steht im oberen Bereich des Wenzelsplatzes (Václavské náměstí) unmittelbar vor dem historischen Hauptgebäude des Nationalmuseums. Die monumentale Reiterstatue gehört zu den bekanntesten Wahrzeichen Prags und bildet den symbolischen Mittelpunkt des lang gestreckten Platzes. Für viele Prager ist der Bereich „unter dem Pferd“ bis heute einer der beliebtesten Treffpunkte im Stadtzentrum.

Dargestellt ist der böhmische Fürst und Landespatron Wenzel von Böhmen auf einem ruhig schreitenden Pferd. Wenzel lebte im frühen 10. Jahrhundert und wurde nach seiner Ermordung als Märtyrer und Heiliger verehrt. In der tschechischen Geschichte entwickelte er sich zu einer Symbolfigur für Staatlichkeit, Schutz und die historische Kontinuität der böhmischen Länder. Das Denkmal zeigt ihn deshalb nicht nur als Heiligen, sondern zugleich als entschlossenen Herrscher und bewaffneten Beschützer seines Landes.
Geschaffen wurde das Denkmal von Josef Václav Myslbek, der als einer der Begründer der modernen tschechischen Bildhauerei gilt. Myslbek beschäftigte sich mehr als drei Jahrzehnte mit der Darstellung des heiligen Wenzel und überarbeitete seine Entwürfe immer wieder. Die konkrete Planung des heutigen Denkmals begann im Zusammenhang mit dem Bau des neuen Nationalmuseums, das zwischen 1885 und 1891 am oberen Ende des Wenzelsplatzes entstand. Das Reiterdenkmal sollte dem neu gestalteten Bereich eine zusätzliche nationale und städtebauliche Bedeutung verleihen.
Im Jahr 1894 wurde ein öffentlicher Wettbewerb für das Denkmal ausgeschrieben. Zu den bedeutendsten Teilnehmern gehörten Josef Václav Myslbek und Bohuslav Schnirch. Die Jury vergab keinen eindeutigen ersten Preis, sondern zeichnete beide Bildhauer gemeinsam aus. Der zuständige Landesausschuss entschied sich anschließend für eine weitere Zusammenarbeit mit Myslbek. 1896 erhielt er den Auftrag, das Modell der Reiterstatue und der vorgesehenen Begleitfiguren auszuarbeiten.
Besonders sorgfältig arbeitete Myslbek an der Darstellung des Pferdes. Als lebendes Modell diente ihm der Hengst Ardo aus einem militärischen Gestüt in Střešovice. Das lebensgroße Pferdemodell wurde um 1900 fertiggestellt und anschließend auf die monumentalen Maße des Denkmals vergrößert. Auch die Haltung und das Gesicht des heiligen Wenzel wurden mehrfach verändert, bis Myslbek die gewünschte Verbindung aus Würde, Entschlossenheit und religiöser Ruhe erreicht hatte.
Der Fürst trägt ein Kettenhemd, einen Helm, einen Mantel und ein Schwert. In seiner rechten Hand hält er eine lange Lanze mit dem Banner des heiligen Wenzel, während die linke Hand die Zügel umfasst. Myslbek orientierte sich bei Helm, Schwert und Kettenrüstung an historischen Gegenständen, die mit dem heiligen Wenzel verbunden werden und im Schatz des St.-Veitsdoms (Katedrála svatého Víta) aufbewahrt werden. Dadurch sollte die Figur trotz ihrer idealisierten Gestaltung möglichst glaubwürdig und historisch verwurzelt wirken.
Die Reiterstatue wurde aus Bronze gegossen. Sie ruht auf einem mächtigen Sockel aus dunkelbraunem Granit, dessen architektonische Gestaltung überwiegend auf Alois Dryák zurückgeht. Das gesamte Denkmal erreicht bis zur Spitze der Lanze eine Höhe von etwa 7,2 Metern. Allein die bronzene Figurengruppe mit Wenzel und seinem Pferd wiegt nach Angaben von Prague City Tourism fast sechs Tonnen. Da das Pferd den Sockel nur mit zwei Hufen berührt, musste im Inneren eine stabile Eisen- und Stahlkonstruktion eingebaut werden.
Die Reiterstatue wurde im Juni 1912 auf dem Sockel montiert. Das Denkmal war zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht vollständig. Im November 1912 kamen die Figuren der heiligen Ludmilla und des heiligen Prokop hinzu. Die ornamentalen Friese, Inschriften und die Wenzelsadler-Darstellung am Sockel wurden 1913 vollendet. Die Figur der heiligen Agnes von Böhmen folgte im Oktober 1914. Als letzte Begleitfigur wurde der heilige Adalbert von Prag erst im Mai 1925 aufgestellt – drei Jahre nach Myslbeks Tod. Erst damit war das gesamte Denkmal vollständig abgeschlossen.
Die vier stehenden Heiligen verkörpern wichtige Persönlichkeiten der böhmischen Kirchengeschichte. Ludmilla von Böhmen war die Großmutter und Erzieherin des heiligen Wenzel. Agnes von Böhmen war eine Přemysliden-Prinzessin, Klostergründerin und bedeutende Ordensfrau. Adalbert von Prag gehörte zu den ersten Prager Bischöfen und wurde als Missionar und Märtyrer verehrt. Prokop von Sázava gründete das Kloster Sázava und steht für die slawisch-christliche Tradition Böhmens. Myslbek verlieh der Figur des heiligen Prokop seine eigenen Gesichtszüge und schuf damit zugleich ein verborgenes Selbstporträt.
Die Figuren stehen nicht nur als religiöse Begleiter um den Landespatron. Gemeinsam bilden sie eine symbolische Gemeinschaft böhmischer Heiliger, die verschiedene Epochen, gesellschaftliche Aufgaben und geistliche Traditionen repräsentiert. Der heilige Wenzel erhebt sich über ihnen als zentrale Schutzfigur des Landes. Die Verbindung aus Reiterdenkmal, Heiligenfiguren, nationalen Symbolen und dem monumentalen Sockel machte die Anlage zu einem der wichtigsten öffentlichen Kunstwerke der damaligen böhmischen Hauptstadt.
Die Inschrift am Sockel greift einen alten Wenzelschoral auf. Sie bittet den heiligen Wenzel, das Land und seine Bewohner auch für zukünftige Generationen zu beschützen. Dadurch erhielt das Denkmal eine Bedeutung, die über die Erinnerung an eine einzelne historische Persönlichkeit hinausgeht. Es wurde zu einem sichtbaren Ausdruck der Hoffnung auf politische Selbstbestimmung und kulturelle Eigenständigkeit.
Diese politische Bedeutung zeigte sich besonders am 28. Oktober 1918. Vom Sockel des Denkmals aus wurde vor der versammelten Menschenmenge die Proklamation zur Gründung der unabhängigen Tschechoslowakei verlesen. Eine in den Boden eingelassene Inschrift mit dem Datum „28. X. 1918“ erinnert an dieses Ereignis. Das Denkmal entwickelte sich dadurch zu einem symbolischen Zentrum des neu gegründeten Staates.
Auch während späterer politischer Umbrüche spielte der Platz rund um die Statue eine wichtige Rolle. Nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes im August 1968 wurde der Sockel mit Protestplakaten und Botschaften bedeckt. Im Januar 1969 setzte sich der Student Jan Palach unweit des Denkmals aus Protest gegen die politische Entwicklung selbst in Brand. Im November 1989 versammelten sich auf dem Wenzelsplatz Hunderttausende Menschen zu den Demonstrationen der Samtenen Revolution, die zum Ende der kommunistischen Herrschaft in der Tschechoslowakei beitrugen.
Heute ist das St.-Wenzels-Denkmal (Pomník svatého Václava) sowohl nationale Erinnerungsstätte als auch alltäglicher Bestandteil des Prager Stadtlebens. An Jahrestagen werden hier Blumen, Kränze und Kerzen niedergelegt, während sich unmittelbar daneben Freunde, Reisegruppen und Besucher verabreden. Durch die Lage vor dem Nationalmuseum bildet das Denkmal außerdem einen der bekanntesten Ausblicke des Wenzelsplatzes.
Das frei zugängliche Denkmal kann jederzeit ohne Eintritt besichtigt werden. Besonders eindrucksvoll wirkt es vom mittleren Teil des Wenzelsplatzes, da sich hinter der Reiterfigur die monumentale Fassade des Nationalmuseums erhebt. Aus der Nähe lassen sich dagegen die einzelnen Heiligenfiguren, die Wenzelsadler-Darstellung, die bronzenen Friese und die Inschriften am Granitsockel genauer betrachten. Die Metrostation Muzeum der Linien A und C liegt direkt neben dem Denkmal.