Direkt am Wenzelsplatz (Václavské náměstí) verbirgt sich einer der interessantesten historischen Durchgänge der Prager Neustadt. Die Passage U Stýblů (Pasáž U Stýblů) führt durch den gleichnamigen Geschäftspalast und verbindet den Wenzelsplatz mit dem Franziskanergarten (Františkánská zahrada) und der benachbarten Světozor-Passage (Pasáž Světozor). Viele Prager kennen den Durchgang bis heute unter seinem früheren Namen Alfa-Passage (Pasáž Alfa). Hinter dem unscheinbaren Eingang am Wenzelsplatz verbirgt sich ein Gebäudekomplex, der einst zu den bedeutenden Vergnügungs- und Kulturzentren der Stadt gehörte. Im Palast befanden sich Geschäfte, Büros, Wohnungen, ein großes Kino, eine Tanzkavallerie und das bekannte Semafor-Theater. Heute wirkt die Passage wesentlich ruhiger. Ihre funktionalistische Architektur, der ungewöhnliche Steinboden und die Spuren der früheren Unterhaltungseinrichtungen machen sie dennoch zu einem sehenswerten Ziel abseits der bekannten Prager Sehenswürdigkeiten.

Versteckter Durchgang am Wenzelsplatz
Der Eingang zur Passage befindet sich am Wenzelsplatz in der unteren Hälfte des langgezogenen Platzes. Zwischen den Geschäften ist der Durchgang leicht zu übersehen. Sobald du das Gebäude betrittst, führt die Passage weit in den Häuserblock hinein.
Im hinteren Teil erreichst du den Franziskanergarten. Über die angrenzende Světozor-Passage kannst du anschließend bis zur Vodičkova-Straße weitergehen. Die Passage U Stýblů ist damit nicht nur ein architektonisch interessanter Ort, sondern auch eine praktische Abkürzung durch die Prager Innenstadt.
Besonders reizvoll ist der schnelle Wechsel zwischen den unterschiedlichen Stadträumen. Am Wenzelsplatz bestimmen Geschäfte, Verkehr und große Gebäudefassaden das Bild. Nur wenige Schritte später stehst du im ruhigen Franziskanergarten, der von den umliegenden Häuserblocks weitgehend abgeschirmt wird.
Der Palast U Stýblů
Der Name des Gebäudes geht auf die Prager Drucker- und Verlegerfamilie Stýbl zurück. Ende der 1920er-Jahre ließen Václav und Ondřej Stýbl anstelle älterer Häuser einen modernen Geschäftspalast errichten.
An den Entwürfen waren die Architekten Ludvík Kysela und Jan Jarolím beteiligt. Der Bau entstand Ende der 1920er-Jahre und wird überwiegend dem Funktionalismus zugeordnet. Der mehrstöckige Komplex gehörte zu den modernen Großstadtbauten, die das Erscheinungsbild des Wenzelsplatzes während der Zwischenkriegszeit veränderten.
Der Palast U Stýblů (Palác U Stýblů) war von Anfang an als multifunktionales Gebäude geplant. Unter einem Dach befanden sich Geschäfte, Büros, Wohnungen, gastronomische Betriebe und Kultureinrichtungen. Einkaufen, Arbeiten, Wohnen und Unterhaltung sollten innerhalb eines einzigen modernen Stadtkomplexes miteinander verbunden werden.

Funktionalistische Architektur im Inneren
Das architektonische Zentrum der Passage ist die erhöhte Halle im Inneren des Gebäudes. Sie ist breiter und höher als der vordere Abschnitt am Wenzelsplatz und wird durch Glasbausteine mit Tageslicht versorgt.
Der gewölbte obere Abschluss der Halle wird häufig mit einem umgedrehten Schiffskiel verglichen. Durch die Kombination aus Glasflächen, klaren Linien und hohen Räumen wirkt der Innenbereich überraschend offen.
Auffällig ist auch der Boden aus unterschiedlich geformten und verschiedenfarbigen Natursteinen. Das unregelmäßige geometrische Muster verleiht der Passage einen unverwechselbaren Charakter. Abnutzungsspuren und kleinere Unebenheiten erinnern daran, dass der Durchgang seit fast einem Jahrhundert täglich genutzt wird.
Teilweise sind noch historische Schaufenster, Ladenfronten und weitere Ausstattungsdetails erhalten. Obwohl einige Bereiche verändert oder modernisiert wurden, ist die ursprüngliche räumliche Gliederung des funktionalistischen Gebäudes bis heute gut erkennbar.
Warum die Passage auch Alfa-Passage heißt
Die frühere Bezeichnung Alfa-Passage (Pasáž Alfa) hängt mit den bekannten Unterhaltungseinrichtungen im Palast zusammen. Besonders das große Kino Alfa prägte den Namen des gesamten Gebäudekomplexes.
Auch eine Tanzkavallerie und ein Café wurden zeitweise unter dem Namen Alfa geführt. Dadurch wurde die Bezeichnung nicht nur für einzelne Einrichtungen, sondern zunehmend für den Palast und seine Passage verwendet.
In älteren Stadtführern, Erinnerungen und Architekturtexten findest du deshalb häufig den Namen Alfa-Passage. Heute wird meist die historische Gebäudebezeichnung Passage U Stýblů verwendet. Beide Namen bezeichnen denselben Durchgang.
Das Kino Alfa
Zu den wichtigsten Einrichtungen des Palastes gehörte das Kino Alfa. Der große Kinosaal lag in den tieferen Bereichen des Gebäudekomplexes und war über die Passage erreichbar.
Das Filmtheater gehörte zeitweise zu den modernsten Kinos der damaligen Tschechoslowakei. Im Jahr 1956 wurde es als erstes Kino des Landes mit dem Breitbildverfahren CinemaScope ausgestattet.
Nach einem späteren Umbau verfügte der Saal über ein ansteigendes Auditorium und bot rund 1.200 Zuschauern Platz. Damit gehörte das Alfa zu den größten Prager Kinos seiner Zeit. Später konnten dort auch Filme im 70-Millimeter-Format gezeigt werden.
Das Kino prägte die Wahrnehmung des Palastes über mehrere Jahrzehnte. In den 1990er-Jahren wurde der reguläre Kinobetrieb eingestellt. Die ehemaligen Räume sind heute nicht als öffentliches Kino zugänglich.
Tanzkavallerie und Café Boulevard
Zum ursprünglichen Unterhaltungskonzept des Palastes gehörte eine große Tanzkavallerie. Die Einrichtung trug zunächst den Namen Boulevard und wurde später ebenfalls als Alfa bekannt.
Die großzügigen Räume erstreckten sich über einen Teil der oberen Stockwerke. Von dort boten sich Ausblicke zum Wenzelsplatz und in Richtung Franziskanergarten.
Die Tanzkavallerie gehörte zeitweise zu den größten Einrichtungen ihrer Art in Prag. Sie war Treffpunkt für Tanzveranstaltungen, gesellschaftliche Abende und Unterhaltung. Gemeinsam mit dem Kino und den gastronomischen Betrieben machte sie den Palast U Stýblů zu einem bedeutenden Ort des Prager Stadtlebens.
Das Semafor-Theater
Ein weiteres wichtiges Kapitel der Passage begann Anfang der 1960er-Jahre. Das 1959 von Jiří Suchý und Jiří Šlitr gegründete Semafor-Theater (Divadlo Semafor) erhielt 1962 einen festen Spielort in den unterirdischen Räumen des Gebäudes.
Der Name Semafor setzt sich aus der tschechischen Bezeichnung „Sedm malých forem“ zusammen, die auf Deutsch „Sieben kleine Formen“ bedeutet. Das Programm verband Schauspiel, Musik, Jazz, Kabarett und Poesie.
Das Semafor entwickelte sich zu einer der einflussreichsten tschechischen Musik- und Kleinkunstbühnen des 20. Jahrhunderts. Zahlreiche bekannte Sänger und Schauspieler standen hier auf der Bühne oder begannen im Ensemble ihre Karriere.
Vor Vorstellungen und beim Beginn des Kartenvorverkaufs bildeten sich zeitweise lange Warteschlangen in der Passage. Der Durchgang war dadurch nicht nur eine Einkaufsverbindung, sondern ein lebendiger Treffpunkt des Prager Kulturlebens.
Im Jahr 1993 musste das Theater die Räume in der Passage verlassen. Das Ensemble wechselte anschließend mehrfach den Spielort und ist heute im Prager Stadtteil Dejvice ansässig.
Vom Vergnügungspalast zur ruhigen Passage
Heute wirkt die Passage U Stýblů deutlich ruhiger als während ihrer Blütezeit. Im Erdgeschoss befinden sich weiterhin kleinere Geschäfte und Dienstleistungsbetriebe. Viele der früheren Kultur-, Tanz- und Gastronomieräume werden jedoch nicht mehr entsprechend ihrer ursprünglichen Funktion genutzt.
Auch der Zustand des Gebäudes erinnert stellenweise an die lange Geschichte des Palastes. Der Boden ist sichtbar abgenutzt, einzelne Ladenfronten wurden verändert und manche Gebäudeteile wirken sanierungsbedürftig.
Gerade dieser Kontrast macht die Passage interessant. Während die nahe Lucerna-Passage touristisch stärker erschlossen ist, vermittelt U Stýblů das Gefühl eines fast vergessenen Ortes. Hinter der alltäglichen Ladenpassage lassen sich noch immer die Dimensionen eines früher bedeutenden Kultur- und Vergnügungspalastes erkennen.
Lohnt sich ein Besuch?
Die Passage U Stýblů ist keine klassische Sehenswürdigkeit mit Eintrittskarten, Ausstellung oder festgelegtem Rundgang. Für einen kurzen Besuch benötigst du nur wenige Minuten.
Sehenswert ist sie vor allem für Besucher, die sich für die Architektur des 20. Jahrhunderts, historische Prager Kinos und ungewöhnliche Orte abseits der bekannten Touristenrouten interessieren.
Besonders eindrucksvoll sind die erhöhte Halle, der gemusterte Steinboden und die erhaltenen historischen Ladenfronten. Mit dem Wissen über das Kino Alfa, die Tanzkavallerie und das Semafor-Theater lässt sich die frühere Bedeutung des heute ruhigen Gebäudes besser nachvollziehen.
Auch zum Fotografieren bietet die Passage interessante Motive. Dazu gehören die langen Sichtachsen, die alten Schaufenster, die Glasbausteine und der Kontrast zwischen dem niedrigen Eingangsbereich und der höheren Halle im Inneren.
Wie kommst du hin?
Der Haupteingang liegt am Wenzelsplatz 28, Prag 1 – Neustadt. Von der Metrostation Můstek erreichst du ihn in wenigen Minuten zu Fuß.
Achte auf den Durchgang im Erdgeschoss des Palastes, da der Eingang weniger auffällig ist als bei der benachbarten Lucerna-Passage. Die Passage ist während der Öffnungszeiten der darin befindlichen Geschäfte zugänglich.
Im hinteren Bereich gelangst du zum Franziskanergarten. Über die Světozor-Passage kannst du anschließend weiter zur Vodičkova-Straße gehen.
Rundgang durch die Prager Passagen
Die Passage U Stýblů lässt sich gut in einen Rundgang durch das Prager Passagennetz integrieren. Beginne am Wenzelsplatz und gehe durch den Palast in Richtung Franziskanergarten.
Nach einem kurzen Aufenthalt im Garten kannst du durch die Světozor-Passage weiter zur Vodičkova-Straße gehen. Dort kommst du am traditionsreichen Kino Světozor vorbei.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite erreichst du die Lucerna-Passage (Pasáž Lucerna). Sie gehört zu den bekanntesten Prager Passagen und beherbergt unter anderem die Reiterfigur von David Černý sowie den historischen Lucerna-Komplex.
Auf diese Weise kannst du innerhalb eines kurzen Spaziergangs mehrere sehr unterschiedliche Passagen entdecken und gleichzeitig einen Eindruck von der Architektur und Kulturgeschichte der Prager Neustadt gewinnen.





Quellen:
- https://pamatkovykatalog.cz/palac-alfa-u-styblu-15463143
- https://mapamatky.cz/seznam-mapamatek/palac-u-styblu/
- https://www.archiweb.cz/b/palac-u-styblu-palac-alfa
- https://www.archmap.cz/cs/objekt/1794
- https://vltava.rozhlas.cz/nejmodernejsi-kino-divadlo-i-tanecni-kavarna-zivot-v-pasazi-alfa-temer-pohasl-8121964
- https://www.semafor.cz/minulost-semaforu
- https://prague.eu/de/objevujte/franziskanergarten-frantiskanska-zahrada/
