Prager Architektur: Ein Streifzug durch die Jahrhunderte

Prag ist nicht nur wegen seiner Türme, Brücken und Paläste außergewöhnlich. Die Stadt ist auch ein begehbares Geschichtsbuch der europäischen Architektur. Auf vergleichsweise engem Raum begegnen dir Bauwerke aus fast allen wichtigen Epochen – von romanischen Kirchen und gotischen Türmen über Renaissancepaläste und barocke Kuppeln bis zu Jugendstil, Kubismus, Funktionalismus und zeitgenössischer Architektur. Dabei stehen die Baustile in Prag selten streng voneinander getrennt. Viele Gebäude wurden über Jahrhunderte erweitert, umgebaut oder neu gestaltet. Romanische Mauern verschwinden hinter barocken Fassaden, gotische Bauwerke erhielten später Renaissanceelemente und selbst mittelalterliche Plätze werden heute von moderner Architektur ergänzt. Gerade diese Mischung macht einen Architekturspaziergang durch Prag so spannend.


Themenüberblick:

  • Romanik: Die ältesten erhaltenen Spuren Prags
  • Gotik: Prag unter Karl IV.
  • Renaissance: Italienische Eleganz erreicht Prag
  • Barock: Kuppeln, Paläste und große Inszenierungen
  • Rokoko und später Barock
  • Klassizismus und Historismus: Prag verändert sich im 19. Jahrhundert
  • Nationaltheater, Rudolfinum und Nationalmuseum
  • Jugendstil: Prag um 1900
  • Kubismus: Eine Prager Besonderheit
  • Rondokubismus: Eine tschechoslowakische Weiterentwicklung
  • Funktionalismus: Architektur wird sachlicher
  • Architektur zwischen 1948 und 1989
  • Fernsehturm Žižkov: Hightech über den Dächern Prags
  • Nach 1989: Architektur sucht neue Wege
  • Prag im 21. Jahrhundert
  • Masaryčka: Zaha Hadid neben einem Bahnhof von 1845
  • Pankrác und der V Tower: Prags Hochhausviertel
  • Architektur liegt in Prag oft direkt nebeneinander
  • Prag mit Blick für Architektur entdecken

Romanik: Die ältesten erhaltenen Spuren Prags

Die romanische Architektur entwickelte sich in Prag vor allem zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert. Typisch sind massive Mauern, kleine Fensteröffnungen, Rundbögen und vergleichsweise schlichte Formen.

Viele romanische Gebäude sind heute allerdings nicht mehr vollständig sichtbar. Sie wurden im Laufe der Jahrhunderte erweitert, überbaut oder in jüngere Bauwerke integriert. Besonders in der Altstadt und auf dem Gelände der Prager Burg haben sich dennoch bedeutende Überreste erhalten.

Zu den bekanntesten Beispielen gehört die St.-Georgs-Basilika (Bazilika svatého Jiří) innerhalb der Prager Burg (Pražský hrad).

Die Kirche wurde bereits im frühen Mittelalter gegründet und später mehrfach verändert. Besonders ihr Inneres vermittelt noch heute einen Eindruck romanischer Sakralarchitektur. Die vergleichsweise schlichte Raumwirkung unterscheidet sich deutlich von den späteren, wesentlich reicheren Kirchen Prags.

Interessant ist dabei bereits ein typisches Merkmal der Prager Architekturgeschichte: Die heute sichtbare Fassade der Basilika stammt nicht aus der Romanik, sondern wurde später im Barock gestaltet.

Auch unter mehreren Gebäuden der Altstadt haben sich romanische Keller und Fundamente erhalten. Das mittelalterliche Prag liegt an manchen Stellen buchstäblich unter der heutigen Stadt.

St.-Georgs-Basilika mit roter Barockfassade, zwei romanischen Türmen und Besuchern auf der Prager Burg
Die St.-Georgs-Basilika mit ihrer roten Barockfassade und den beiden romanischen Türmen auf der Prager Burg.

Gotik: Prag unter Karl IV.

Kaum eine Epoche hat das historische Erscheinungsbild Prags so stark geprägt wie die Gotik.

Ihre wichtigste Phase erlebte die Stadt im 14. Jahrhundert unter Karl IV. Prag wurde damals zu einem der politischen und kulturellen Zentren Europas. Mit dem wirtschaftlichen und politischen Aufstieg entstanden Kirchen, Klöster, Befestigungen, Brücken und neue Stadtviertel.

Das bedeutendste gotische Bauwerk Prags ist der St.-Veitsdom (Katedrála svatého Víta) innerhalb der Prager Burg.

Mit dem Bau der heutigen Kathedrale wurde 1344 begonnen. Hoch aufragende Gewölbe, Maßwerkfenster, Strebebögen und die starke vertikale Ausrichtung gehören zu den typischen Merkmalen gotischer Architektur.

Allerdings ist auch der Veitsdom kein ausschließlich mittelalterliches Bauwerk. Seine Fertigstellung zog sich über Jahrhunderte hin. Große Teile wurden erst im 19. und frühen 20. Jahrhundert vollendet.

Ein weiteres Symbol der gotischen Epoche ist die Karlsbrücke (Karlův most).

Ihr Bau begann 1357. Die Brücke verband die Altstadt mit der Kleinseite und war über Jahrhunderte einer der wichtigsten Moldauübergänge Prags.

Besonders markant sind die beiden gotischen Brückentürme. Die heute berühmten Heiligenfiguren auf der Brücke stammen dagegen überwiegend aus wesentlich späterer Zeit und gehören vor allem zum Barock.

Auch der Altstädter Brückenturm (Staroměstská mostecká věž) zählt zu den herausragenden gotischen Bauwerken der Stadt. Seine reich gestaltete Fassade vermittelt bis heute den politischen und religiösen Anspruch des mittelalterlichen Prag.

Weitere Spuren dieser Epoche findest du unter anderem am Altstädter Ring, in zahlreichen Kirchen sowie in den mittelalterlichen Straßenzügen der Altstadt.

Karlsbrücke in Prag mit barocken Statuen, Brückenbögen und Blick auf den Altstädter Brückenturm entlang der Moldau
Historische Brücke mit Statuen und Brückenturm

Renaissance: Italienische Eleganz erreicht Prag

Im 16. Jahrhundert veränderte sich das architektonische Ideal.

Während die Gotik vor allem auf Höhe, starke Vertikalen und sakrale Wirkung setzte, rückten in der Renaissance Symmetrie, Proportion und eine stärker an der Antike orientierte Formensprache in den Mittelpunkt.

Italienische Architekten und Künstler brachten diese Ideen auch nach Prag.

Ein besonders schönes Beispiel ist das Lustschloss der Königin Anna (Letohrádek královny Anny) im Königlichen Garten der Prager Burg.

Das elegante Gebäude fällt durch seine regelmäßigen Arkaden, schlanken Säulen und harmonischen Proportionen auf. Es unterscheidet sich deutlich von den mittelalterlichen Bauten der unmittelbaren Umgebung.

Ein weiteres bedeutendes Renaissancegebäude ist der Schwarzenberg-Palast (Schwarzenberský palác) auf dem Hradschin.

Besonders auffällig ist seine reich dekorierte Sgraffito-Fassade. Durch die grafische Gestaltung wirken die Außenwände beinahe wie mit geometrischen Mustern überzogen.

Auch zahlreiche Bürgerhäuser und Adelspaläste wurden während der Renaissance umgebaut oder neu errichtet.

Prag erhielt dadurch eine stärker repräsentative, höfische Architektur, die bereits auf die großen Palastanlagen der folgenden Jahrhunderte vorausweist.

Lustschloss der Königin Anna mit Renaissance-Arkaden, Kupferdach, Gartenbeeten und Brunnen
Das Lustschloss der Königin Anna mit Renaissance-Arkaden und Kupferdach im Königlichen Garten der Prager Burg.

Barock: Kuppeln, Paläste und große Inszenierungen

Nach den politischen und religiösen Umbrüchen des 17. Jahrhunderts begann eine der prägendsten Bauphasen Prags.

Der Barock veränderte insbesondere die Kleinseite und den Hradschin nachhaltig.

Während die Renaissance auf Harmonie und klare Proportionen setzte, wollte barocke Architektur beeindrucken. Geschwungene Fassaden, monumentale Treppen, große Kuppeln, aufwendige Stuckarbeiten und dramatische Innenräume sollten den Besucher emotional überwältigen.

Das bekannteste Beispiel ist die St.-Nikolaus-Kirche auf der Kleinseite (Kostel svatého Mikuláše).

Ihre mächtige grüne Kuppel gehört zu den markantesten Elementen der Prager Stadtsilhouette. Im Inneren treffen Fresken, Stuck, Skulpturen und monumentale Architektur zu einem typischen barocken Gesamtkunstwerk zusammen.

Auch das Klementinum gehört zu den wichtigsten barocken Anlagen der Stadt.

Der ehemalige Jesuitenkomplex entwickelte sich über mehrere Jahrhunderte. Besonders bekannt sind der barocke Bibliothekssaal, die Spiegelkapelle und der Astronomische Turm.

Daneben entstanden zahlreiche Adelspaläste, Klöster, Kirchen und Gartenanlagen.

Gerade auf der Kleinseite lässt sich der Barock deshalb besonders gut entdecken. Hinter vielen Fassaden verbergen sich großzügige Innenhöfe, Gärten und repräsentative Treppenanlagen.


Rokoko und später Barock

Im 18. Jahrhundert wurde die barocke Architektur teilweise leichter und verspielter.

Das Rokoko übernahm viele Elemente des Barock, verwendete jedoch häufig feinere Ornamente, hellere Farben und elegantere Formen.

In Prag lässt sich diese Entwicklung vor allem an Innenräumen, Palästen und späteren Umbauten erkennen.

Eine klare Trennung zwischen Barock und Rokoko ist bei vielen Gebäuden allerdings kaum möglich. Gerade in Prag entstanden Bauwerke häufig über längere Zeiträume, sodass sich verschiedene Gestaltungsphasen überlagern.

Palais Kinsky (Palác Kinských) – Das prächtige rosafarbene Stadtpalais wurde von 1755 bis 1765 im Rokokostil erbaut

Palais Kinsky

Klassizismus und Historismus: Prag verändert sich im 19. Jahrhundert

Das 19. Jahrhundert gehört zu den entscheidenden Phasen der modernen Stadtentwicklung Prags.

Die Stadt wuchs stark, mittelalterliche Befestigungen verloren ihre Bedeutung und neue Straßen, öffentliche Gebäude und Wohnviertel entstanden.

Der Klassizismus orientierte sich wieder stärker an der Architektur der griechischen und römischen Antike. Klare Fassaden, Säulenordnungen und symmetrische Formen ersetzten einen Teil der barocken Verspieltheit.

Später entwickelte sich der Historismus.

Architekten griffen nun bewusst auf ältere Baustile zurück. Je nach Funktion eines Gebäudes entstanden neugotische, neobarocke oder neorenaissancezeitliche Entwürfe.

Besonders wichtig für Prag wurde die Neorenaissance.

Sie war eng mit dem wachsenden tschechischen Nationalbewusstsein verbunden.


Nationaltheater, Rudolfinum und Nationalmuseum

Zu den wichtigsten repräsentativen Bauten des 19. Jahrhunderts gehört das Nationaltheater (Národní divadlo) an der Moldau.

Seine monumentale Architektur sollte nicht nur kulturelle Bedeutung ausstrahlen, sondern auch das Selbstbewusstsein der tschechischen Gesellschaft sichtbar machen.

Ebenfalls im Stil der Neorenaissance entstand das Rudolfinum am heutigen Jan-Palach-Platz.

Das Gebäude gehört mit seiner streng gegliederten Fassade und den repräsentativen Säulen zu den wichtigsten Kulturgebäuden der Stadt.

Ein weiteres herausragendes Beispiel ist das historische Gebäude des Nationalmuseums (Národní muzeum) am oberen Ende des Wenzelsplatzes.

Seine monumentale Erscheinung dominiert bis heute einen der wichtigsten Plätze Prags.

Diese Gebäude zeigen, wie stark Architektur im 19. Jahrhundert mit Kultur, Politik und nationaler Identität verbunden war.


Jugendstil: Prag um 1900

Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurde Prag erneut zu einem Experimentierfeld neuer Architektur.

Der Jugendstil löste sich teilweise von den historischen Vorbildern des 19. Jahrhunderts. Stattdessen rückten florale Ornamente, geschwungene Linien, dekorative Fassaden und kunstvoll gestaltete Innenräume in den Mittelpunkt.

Das bekannteste Beispiel ist das Gemeindehaus (Obecní dům) am Platz der Republik.

Von außen fallen die reich dekorierte Fassade, das große Mosaik und zahlreiche plastische Elemente auf. Im Inneren setzt sich die Gestaltung mit Sälen, Leuchten, Möbeln, Wandmalereien und dekorativen Details fort.

An der Ausstattung beteiligten sich bedeutende Künstler der damaligen Zeit, darunter auch Alfons Mucha.

Doch Jugendstil findest du in Prag nicht nur an einzelnen Monumentalbauten.

Besonders in der Neustadt, rund um den Wenzelsplatz und in einigen Wohnvierteln entstanden zahlreiche Häuser mit geschwungenen Balkonen, floralen Fassadenelementen und dekorativen Eingangsbereichen.

Wer in Prag bewusst nach oben blickt, entdeckt deshalb häufig Jugendstil dort, wo er zunächst gar nicht erwartet wird.

Jugendstil in goldenem Glanz – Prag bei Nacht – Das prachtvolle Gemeindehaus

Kubismus: Eine Prager Besonderheit

Eine der außergewöhnlichsten Episoden der Prager Architekturgeschichte begann kurz vor dem Ersten Weltkrieg.

Der Kubismus war eigentlich vor allem eine Kunstrichtung. Künstler zerlegten Formen in geometrische Flächen und stellten Gegenstände aus mehreren Perspektiven gleichzeitig dar.

Tschechische Architekten versuchten jedoch, diese Ideen auch auf Gebäude zu übertragen.

So entstand eine Architektur, die weltweit nahezu einzigartig geblieben ist.

Das bekannteste Beispiel ist das Haus zur Schwarzen Muttergottes (Dům U Černé Matky Boží) in der Altstadt.

Der Architekt Josef Gočár entwarf das Gebäude zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Fenster, Erker, Geländer und dekorative Elemente folgen einer kantigen, geometrischen Formensprache.

Trotzdem fügt sich das Gebäude erstaunlich gut in die historische Umgebung ein.

Weitere kubistische Häuser findest du unter anderem unterhalb des Vyšehrad und in verschiedenen Teilen der Neustadt.


Rondokubismus: Eine tschechoslowakische Weiterentwicklung

Nach der Gründung der Tschechoslowakei 1918 entwickelte sich der Kubismus weiter.

Der sogenannte Rondokubismus ergänzte die kantigen Formen des frühen Kubismus durch Kreise, Rundbögen und farbige dekorative Elemente.

Teilweise sollte dieser Stil eine neue nationale Architektur der jungen Tschechoslowakei verkörpern.

Ein bekanntes Beispiel ist die Legiobanka an der Straße Na Poříčí.

Auch der Adria-Palast (Palác Adria) an der Národní gehört zu den auffälligen Bauwerken dieser Zeit.

Der Rondokubismus blieb zwar eine vergleichsweise kurze Episode, gehört heute aber zu den interessantesten Besonderheiten der tschechischen Architekturgeschichte.

Beleuchteter Palác Adria am Jungmannplatz in Prag bei Nacht
Der beleuchtete Palác Adria mit seiner markanten Fassade am Jungmannplatz in der Prager Innenstadt.

Funktionalismus: Architektur wird sachlicher

In den 1920er- und 1930er-Jahren entwickelte sich eine völlig andere Formensprache.

Der Funktionalismus verzichtete weitgehend auf dekorativen Schmuck. Gebäude sollten vor allem funktional, logisch und technisch modern sein.

Typisch sind klare geometrische Formen, Flachdächer, große Fensterflächen und helle Fassaden.

Eines der bedeutendsten Beispiele ist die Müller-Villa (Müllerova vila).

Sie wurde von Adolf Loos und Karel Lhota entworfen. Von außen wirkt das Gebäude beinahe streng und zurückhaltend.

Im Inneren zeigt sich jedoch ein komplexes Raumkonzept.

Adolf Loos entwickelte anstelle klassischer, streng voneinander getrennter Etagen seinen sogenannten Raumplan. Räume besitzen unterschiedliche Höhen und sind auf mehreren Ebenen miteinander verbunden.

Auch der Messepalast (Veletržní palác) in Holešovice gehört zu den bedeutenden funktionalistischen Großbauten Prags.

Seine großen Fensterflächen, die klare Rasterstruktur und die weitgehend schmucklose Fassade stehen im starken Gegensatz zur historischen Architektur der Altstadt.

Uhrturm des Industriepalasts (Průmyslový palác) auf dem Prager Messegelände (Výstaviště Praha), teilweise von Bäumen umgeben.
Blick auf den markanten Uhrturm des Industriepalasts

Architektur zwischen 1948 und 1989

Auch die Jahrzehnte der sozialistischen Tschechoslowakei haben das Stadtbild deutlich geprägt.

Die Architektur dieser Zeit wird heute wesentlich differenzierter betrachtet als früher.

Neben standardisierten Wohnsiedlungen entstanden technisch und gestalterisch ambitionierte Gebäude aus Beton, Glas, Stahl und Aluminium.

Ein bekanntes Beispiel ist das Kaufhaus Kotva am Platz der Republik.

Seine ungewöhnliche Struktur besteht aus miteinander verbundenen sechseckigen Elementen und unterscheidet sich deutlich von klassischen Kaufhäusern.

Auch das Kaufhaus Máj an der Národní gehört zu den wichtigen Handelsbauten dieser Epoche.

Ein weiteres markantes Gebäude ist die Neue Bühne des Nationaltheaters (Nová scéna Národního divadla). Ihre Fassade besteht aus Tausenden gläsernen Elementen und hebt sich bewusst von den historischen Gebäuden des Nationaltheaters ab.

Besonders sichtbar wird die Architektur dieser Zeit auch an großen Infrastrukturprojekten.

Die Nusle-Brücke (Nuselský most) überspannt das Nusle-Tal und gehört zu den bedeutendsten Verkehrsbauten Prags.


Fernsehturm Žižkov: Hightech über den Dächern Prags

Kaum ein Gebäude dieser Epoche ist so kontrovers wie der Fernsehturm Žižkov (Žižkovský vysílač).

Der futuristisch wirkende Turm wurde in den 1980er-Jahren geplant und nach dem politischen Umbruch fertiggestellt.

Mit seinen drei hohen Betonröhren unterscheidet er sich radikal von der traditionellen Prager Stadtsilhouette.

Gerade dadurch ist er heute jedoch eines der unverwechselbaren Wahrzeichen des modernen Prag.

Der Fernsehturm zeigt besonders deutlich, dass die Architekturgeschichte der Stadt nicht nur aus historischen Kirchen und Palästen besteht.

Blick auf den Fernsehturm im Stadtteil Žižkov mit Wohnhäusern und Bäumen im warmen Abendlicht
Moderne Architektur des Žižkov-Fernsehturms zwischen historischen Wohnhäusern

Nach 1989: Architektur sucht neue Wege

Mit der politischen Wende von 1989 änderten sich auch die Bedingungen für Architektur und Stadtentwicklung.

Internationale Architekten arbeiteten wieder verstärkt in Prag, private Investitionen nahmen zu und neue gestalterische Konzepte wurden möglich.

Zum Symbol dieser neuen Epoche wurde das Tanzende Haus (Tančící dům) am Moldauufer.

Das Gebäude entstand nach Plänen von Vlado Milunić und Frank Gehry und wurde 1996 fertiggestellt.

Seine beiden unterschiedlich geformten Baukörper scheinen sich wie ein Tanzpaar gegeneinander zu bewegen.

Die ungewöhnliche Architektur sorgte zunächst für Diskussionen, entwickelte sich aber schnell zu einem der bekanntesten modernen Gebäude Prags.

Gerade seine Lage zwischen historischen Häuserfassaden macht den Kontrast besonders deutlich.


Prag im 21. Jahrhundert

Auch heute entwickelt sich Prag architektonisch weiter. Während das historische Zentrum weitgehend von seinem gewachsenen Stadtbild geprägt bleibt, entstehen vor allem in den angrenzenden Vierteln neue Bürogebäude, Wohnhäuser, Kulturorte und größere Stadtentwicklungsprojekte.

Besonders sichtbar ist dieser Wandel in ehemaligen Industrie- und Bahnarealen. Flächen, die lange von Lagerhallen, Gleisen oder Gewerbebauten bestimmt wurden, erhalten neue Nutzungen und werden stärker in das Stadtgefüge eingebunden. Dabei geht es nicht nur um Neubauten, sondern häufig auch um die Umgestaltung und Weiterverwendung bestehender Gebäude.

Gleichzeitig entstehen neue architektonische Akzente. Hochhäuser prägen Teile von Pankrác, moderne Bürokomplexe verändern das Umfeld großer Bahnhöfe und in Vierteln wie Holešovice treffen ehemalige Industrieanlagen auf zeitgenössische Architektur, Kultur und neue öffentliche Räume.

Eine besondere Herausforderung besteht dabei im Umgang mit dem historischen Stadtbild. Moderne Gebäude müssen sich in einer Stadt behaupten, deren Silhouette seit Jahrhunderten von Kirchtürmen, Kuppeln und dicht bebauten historischen Vierteln geprägt wird. Entsprechend unterschiedlich fallen die Lösungen aus: Manche Neubauten versuchen sich bewusst zurückzunehmen, andere setzen gezielt einen starken Kontrast zur bestehenden Architektur.


Masaryčka: Zaha Hadid neben einem Bahnhof von 1845

Die Masaryčka gehört zu den markantesten zeitgenössischen Gebäudekomplexen im Zentrum Prags.

Entworfen wurde sie von Zaha Hadid Architects.

Charakteristisch sind die geschwungenen Fassaden, großen Glasflächen und vor allem die goldfarbenen Lamellen. Je nach Licht verändert sich die Wirkung der Oberfläche deutlich.

Besonders interessant ist die Lage.

Unmittelbar neben der futuristischen Architektur steht der historische Masaryk-Bahnhof (Masarykovo nádraží), dessen Geschichte bis ins Jahr 1845 zurückreicht.

Innerhalb weniger Meter treffen damit Architektur des 19. und 21. Jahrhunderts aufeinander.

Die Masaryčka ist Teil einer größeren Umgestaltung des Bahnhofsumfelds und zeigt, wie ehemalige Verkehrs- und Brachflächen im Zentrum neu in das Stadtgefüge integriert werden.

Modernes Masaryčka-Gebäude mit goldener Lamellenfassade nahe dem Masaryk-Bahnhof in Prag
Das moderne Masaryčka-Gebäude mit goldener Lamellenfassade nahe dem Masaryk-Bahnhof in Prag.

Pankrác und der V Tower: Prags Hochhausviertel

Eine völlig andere Form moderner Architektur findest du in Pankrác.

Südlich des historischen Zentrums entstand hier eines der deutlichsten Hochhauscluster Prags.

Büro- und Wohnhochhäuser prägen die Skyline und verleihen diesem Teil der Stadt ein Erscheinungsbild, das kaum an die Altstadt erinnert.

Eines der bekanntesten Gebäude ist der V Tower.

Seinen Namen verdankt das Wohnhochhaus seiner charakteristischen Form. Zwei Gebäudeteile öffnen sich nach oben und bilden gemeinsam ein V.

Pankrác zeigt damit eine Seite Prags, die viele Besucher bei einem klassischen Altstadtbesuch kaum wahrnehmen: Prag ist nicht nur eine historische Stadt, sondern auch eine wachsende europäische Metropole mit moderner Hochhausarchitektur.

Blick vom Hradschin über grüne Hänge und historische Gebäude zur Skyline von Pankrác

Architektur liegt in Prag oft direkt nebeneinander

Eine der größten Besonderheiten Prags ist die unmittelbare Nähe völlig unterschiedlicher Baustile.

Rund um die Prager Burg liegen romanische, gotische, Renaissance- und barocke Gebäude teilweise nur wenige Schritte voneinander entfernt.

In der Altstadt treffen mittelalterliche Straßen auf barocke Kirchen, Jugendstilhäuser und kubistische Architektur.

Am Platz der Republik stehen das Jugendstil-Gemeindehaus, historische Bürgerhäuser und Architektur des 20. Jahrhunderts fast unmittelbar nebeneinander.

Beim Masaryk-Bahnhof begegnen sich ein Bahnhof aus dem 19. Jahrhundert und die geschwungenen Fassaden der Masaryčka aus dem 21. Jahrhundert.

Und während du vom historischen Zentrum nur wenige Kilometer weiter nach Pankrác fährst, verändert sich die Stadtsilhouette plötzlich vollständig.


Prag mit Blick für Architektur entdecken

Viele der interessantesten architektonischen Details liegen nicht hinter Museumstüren.

Sie befinden sich an Fassaden, Hauseingängen, Innenhöfen, Dächern, Passagen und Treppenhäusern.

Deshalb lohnt es sich in Prag immer wieder, den Blick von den bekannten Sehenswürdigkeiten zu lösen.

Achte auf Fensterrahmen und Erker, auf Sgraffito-Fassaden der Renaissance, barocke Portale, Jugendstildekorationen oder geometrische Elemente des Kubismus.

Vor allem die Altstadt, Neustadt, Kleinseite oder Hradschin bieten eine beeindruckende Vielfalt an Bauwerken aus unterschiedlichen architektonischen Epochen.

Auch die weniger touristischen Viertel erzählen ihre eigene Architekturgeschichte.

Vinohrady und Žižkov besitzen zahlreiche Wohnhäuser aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Holešovice verbindet Industriearchitektur mit neuen Kulturorten. Dejvice zeigt funktionalistische und moderne Stadtplanung. Pankrác steht für das Hochhaus-Prag des 21. Jahrhunderts.

Gerade dadurch wird deutlich, warum Architektur in Prag weit mehr ist als die Kulisse der bekannten Sehenswürdigkeiten.

Die Stadt erzählt ihre Geschichte nicht in einem einzigen Stil, sondern in vielen Schichten – und manchmal genügt schon ein Spaziergang durch wenige Straßen, um mehrere Jahrhunderte Architekturgeschichte unmittelbar nebeneinander zu entdecken.


Powered by GetYourGuide

Entdecke Prag smart – mit dem Prague Visitor Pass
Erlebe über 70 Highlights, genieße freien Eintritt, exklusive Rabatte und spare dabei Zeit, Geld und Nerven. Dein Schlüssel zu den schönsten Erlebnissen der Stadt – alles in einem Pass!

Powered by GetYourGuide


Schreibe einen Kommentar